Kolumnen
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Du weisst doch genau…!

Es gibt Anekdoten, in denen auf dem Sterbebett das Geheimnis einer Zunft verraten wird, – etwa von jenem Fleischer, der seinem Arzt als Dank für dessen aufmerksame Betreuung das große Metzgergeheimnis ins Ohr flüstert: „Essen Sie niemals Wurst!“ Wenn es ein solches Geheimnis in der Paartherapie gäbe, würde der Satz lauten: „Glauben Sie niemals, dass es nur eine Liebe gibt!“

Etwa die Hälfte aller Ehen wird geschieden, die meisten davon nach der Geburt eines Kindes. Die Betroffenen, ihre Angehörigen und Freunde wissen ebenso wie Anwälte, Richter und Therapeuten, wie grausam solche Trennungen sein können, wie viel Hass, Depression und Uneinsichtigkeit sich in ihnen ausleben können. Über dem Lärmen der Rosenkriege oder dem stillen Kummer der Verlassenen geht leicht die Frage verloren, wie es dazu kommen konnte.

In einer modernen Ehe tun sich zwei Menschen aus freien Stücken zusammen. Sie täten es nicht, wenn sie nicht glauben würden, dass sie einander lieben. Zu dieser ersten Verliebtheit gehört auch die Überzeugung, die wechselseitigen Gefühle seien aus einem Guss. In seinem klassischen Gleichnis aus den Wahlverwandtschaften hat Goethe von chemischen Elementen gesprochen, die eine Verbindung eingehen und so zu einem neuen Stoff werden – aus Natrium, einem Metall, und Chlor, einem Gas, wird beispielsweise Kochsalz, ein lebenswichtiges Gewürz.

Dieser Prozess führt zu der Überzeugung, meine Form der Liebe gelte jetzt für zwei Personen. Wenn ich meinem Partner zuliebe das Rauchen aufgebe, ist es doch selbstverständlich, dass er auch das Trinken sein lässt! Wenn ich nicht vergesse, den Müll zu entsorgen, ist es lieblos von meinem Partner, seinen Dreck mir aufzuzwingen! Wenn ich keine Lust auf Sex habe, muss ein Mensch das verstehen, der mich liebt! Wenn ich mit allen früheren Freundinnen nicht mehr spreche, seit ich mit meiner Liebsten zusammen bin, kann sie mir doch die Eifersucht nicht zumuten, die ich durchleide, weil sie ihre früheren Liebhaber immer noch sieht und behauptet, gut Freund mit ihnen zu sein!

Es gibt einen Halbsatz, der nicht selten zwischen Paaren fällt, die sich mit dem Gesetz der zwei Lieben nicht abfinden können: Du weißt doch genau. Er klagt Vorfahrt für die eigene Form der Liebe ein. Du weißt doch genau, dass ich dies nicht ertragen kann, jenes haben möchte – und wenn du gedankenlos nach deinen eigenen Grundsätzen handelst, musst du dir sagen lassen, dass du mich nicht liebst!

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