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Ach, immer diese Entscheidungen!

So würden wir so gerne das Gute wählen und das Schlechte lassen, wenn beide nur einfach zu haben wären. Da aber in den meisten Fällen moderner Entscheidungen das Schlechte mit dem Guten zusammenhängt, wird diese Wahl unmöglich. Wir können aber nur mit großer Mühe aufhören, sie von uns zu verlangen oder uns gegen jene zu wehren, die endlich eine klare Entscheidung von uns verlangen, als sei das ebenso einfach zu haben wie ihr gutes Recht zu fordern.

In eine psychotherapeutische Praxis kommen nicht selten Menschen, die völlig zermürbt sind, weil sie meinen, sie müssten sich entscheiden, ohne dass sie das leisten können. Nehmen wir den Elternteil, der den Kindern das Heim sichern und sich gleichzeitig mit einer neuen Liebe zusammentun will. Er kann gar nicht ungeschoren davon kommen, er findet keine saubere Entscheidung, wohin er sich wendet, begegnet er einem Übel.

Nehmen wir den Kranken, der von seinem Arzt enttäuscht ist – wird der nächste noch ärger sein, oder wird er ihn heilen können? Nehmen wir den Mitarbeiter, der seinen Chef nicht mehr ertragen kann – aber alle Stellen, die er haben könnte, werden sehr viel schlechter bezahlt. Oder die Mieterin, die ihren übergriffigen Vermieter unerträglich findet, aber keine vergleichbar günstige Bleibe findet. Immer sagt die Emotion: Schluss damit! Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende! Kündige, es wird sich schon etwas finden! Dagegen die Vernunft: Warte ab, gibt nicht leichtfertig einen Vorteil auf, wer weiß, ob Du nicht vom Regen in die Traufe kommst.

Unsere Emotionen teilen die Welt in eine erträgliche und eine unerträgliche Hälfte. Unsere  Vernunft kann unendlich viele Vorzüge und Nachteile hinter einer Weggabelung aufzählen. Entsprechend parteiisch sind die Alltagsratschläge, mit denen wir Entscheidungsschwachen auf die Sprünge helfen. Handle aus dem Bauch heraus! Folge Deiner Intuition, deinem Instinkt, deinen Eingebung! Oder aber: Lege eine Liste an mit allen Vorteilen und Nachteilen jeder Entscheidung, gewichte sie nach einem Punktesystem, dann machst du keinen Fehler! Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach, sagen die einen; wer seine Träume aufgibt, gibt sich auf, die anderen.

Natürlich können wir in unserer Unsicherheit zu jemandem gehen, der uns die Mühe abnimmt und die Entscheidung für uns trifft. Aber die eigene Entscheidung ist von Kindesbeinen an das wichtigste Zeichen der Individualität, wie die Eltern trotzender Kinder genau wissen. Wer mir sagt, was ich tun soll, weckt Widerstand selbst dann, wenn ich vorher meine Unsicherheit vor ihm ausgebreitet habe. Denn ich will ja nicht, dass er mir die Entscheidung abnimmt, ich möchte, dass er mir die Übel wegschafft, den Schatten meiner Entschlüsse. Ich will nicht hören, dass ich mich von meiner Wohnung trennen soll, in der mich der Straßenlärm plagt – ich möchte eine leisere Wohnung haben, günstiger gelegen und billiger!

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3 Kommentare

  1. R. Niesler sagt

    hallo, hr. schmidbauer,

    diesen artikel zu lesen, hat gut getan!!!

    herzliche grüsse
    r. niesler

  2. M. Fill sagt

    Das Frappierende für mich war, dass alle von Ihnen genannten Beispiele mir oder meinem Umfeld in den letzten paar Tagen passiert sind (Vermieterin, Arzt, Arbeitsplatz, Patchwork-Familie …). Das zeugt für mich von der Treffsicherheit Ihrer Aussagen.
    Ein anderer Gedanke, der verschiedentlich in einem vergleichbaren Zusammenhang genannt wird, sind die Entscheidungen zB zwischen 18 verschiedenen Zahnpastamarken …
    Beste Grüße
    M. Fill

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