Vortrag
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Vom Hexenschuss zum Bandscheibenvorfall oder: Der zerstückelte Schamane

Natürlich wollte Quesalid nicht die Frau von Brauner Biber als die Quelle des bösen Dorns hinstellen; es musste jemand sein, der schon in der Geisterwelt weilte, freilich auch noch nicht lange genug, um sich nicht mehr für die Schicksale hinieden zu interessieren. Keine andere als die jüngst ertrunkene Mutter der Ehefrau von Brauner Biber konnte die schuldige Hexe sein. Ihre spitze Zunge hatten viele gefürchtet. Als an einem kalten Tag ein treibender Baumstamm ihr Birkenrinde-Kanu aufgeschlitzt hatte und sich nur ihre Nichte schwimmend ans Ufer retten konnte, hatte Quesalid beobachtet, dass in dem Biber-Clan niemand so recht zu trauern schien.

Brauner Biber verfolgte in einer Art triumphierender Gelassenheit, wie der Leichnam nach Stammessitte auf einem Gestell aus Zedernstämmen den Vögeln ausgesetzt wurde. Seine Frau weinte, und Quesalid fand es nicht in Ordnung, dass Brauner Biber sie nicht tröstete; sein Gesicht schien eher zu sagen: Was hast du nur, es ist ihr Recht geschehen!
Der Kranke wurde in der Zeremonialhütte der Clans auf ein fellbedecktes Lager gebettet. Die meisten Erwachsenen und die älteren Kinder waren gekommen, um zu verfolgen, wie Quesalid den Hexenschuss von Brauner Biber heilte. Als erste Hilfe hatte er ihm während der Vorbereitung der Zeremonie eine Abkochung von Weidenrinde gegeben und ihm geraten, sich bis zur Zeremonie so wenig wie möglich zu bewegen.

Jetzt kleidete sich Quesalid in seinen Schamanenmantel, der durch Adler- und Geierfedern, Vogelflügel und die Bälge kleiner Tiere geschmückt war. Er fettete seine Trommel ein und nahm als letzte Vorbereitung ein kleines Büschel Federn in den Mund, die er sicher in einer Backentasche verwahrte, um ungestört singen zu können. Er begann den Heilgesang, den er während seiner Lehrzeit memoniert hatte, ein langes Lied, das die Schutzgeister zusammenrief, ihre Rollen ausmalte, ihren Zusammenhang mit den Clans festlegte und ihnen das Schicksal des Kranken schilderte. Er führte das Ritual pflichtbewusst durch, unterstrich die wichtigen Stellen durch die Trommel und begleitete sein Lied in die Geisterwelt, ohne ganz aus den Augen zu verlieren, wie es auf die Zuhörer wirkte und ob die Beteiligten auch verstanden, dass die Krankheit von Brauner Biber mit der Unzufriedenheit seiner Schwiegermutter im Jenseits zusammenhing, die von einem bösen Geist das Blasrohr mit den Giftpfeilen erhalten hatte, um es Brauner Biber zu vergelten, dass er sich über ihren Tod gefreut hatte.
Die Schutzgeister des Biber-Clans widersprachen dem grauen Wolf heftig, der solches behauptete, aber Quesalid sah wohl, wie einzelne Jäger unter den Wölfen nachdenklich nickten, während sich die Augen der Frau von Brauner Biber mit Tränen füllten. Dieser schien bewegt und etwas ängstlich, er atmete hastig und sah zitternd dem Schamanen entgegen, als dieser ankündigte, er werde jetzt durch die Kraft der guten Stammesgeister, welche die Sippengrenzen gegen alles Böse bewachen, den Giftpfeil aus dem schmerzenden Rücken saugen und in die bereitstehende Kupferschale speien, ein kostbares Eigentum der Gemeinschaft, das zehn gute Wolfsfelle gekostet hatte.

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1 Kommentare

  1. Helmut Kirchner sagt

    Vom Hexenschuss zum Bandscheibenvorfall oder: Der zerstückelte Schamane.
    Eine sehr gute Geschichte, die ich als Münchner Werkhaus Indianer nur zu gut kenne. Der Bandscheibenvorfall war 2011, meine Frau ist Inderin und sie hat mir geholfen in der schweren Zeit meine ‚Fallen‘ aufzustellen. Nun – wer der Schamane ist, weiss wohl jeder.

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