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Grossvater war im Krieg

Erst in der Gruppe rekonstruierten wir, was womöglich hinter dieser Tat stand. Wilhelm erzählte, dass der Vater in Stalingrad gefangen genommen worden sei und acht Jahre Gefangenschaft in Sibirien überlebt hatte. Die Gruppe vermutete nun, dass der Pelzkragen Erinnerungen an einen Wachposten weckte und der Vater in einem Flashback (einer mit wahnhafter Macht auftretenden Zwangserinnerung) den eigenen Sohn für einen Feind gehalten hatte.

Jetzt erinnerte sich Wilhelm auch an andere Eigentümlichkeiten seines Vaters. Er hatte die Familie daran gewöhnt, dass kein Stück altbackenes Brot weggeworfen werden durfte, ohne dass es der Vater im Müll fand und der Mutter drohte, das Haushaltsgeld zu kürzen. Er konnte in keiner Menschenschlange warten, ohne in Panik zu geraten.

„Es gibt im Leben keine Gerechtigkeit“

In den Berichten der Kriegs- und Nachkriegskinder über ihre Väter überwiegen Schilderungen, diese seien sehr angepasst gewesen, auf eine ängstliche Weise fürsorglich und misstrauisch gegenüber emotionalem Überschwang. Seltener erfassen die Berichte ein Thema, das sozusagen im Untergrund dieser Gefügigkeit schlummert: sadistische Impulse werden deutlich, die sich gegen die kindlichen Gefühle richten.

In einem Fall versprach ein Arzt, der in Stalingrad gekämpft und lange Jahre in russischer Gefangenschaft verbracht hatte, seiner ältesten Tochter beim Abendessen, sie dürfe sich heute ausnahmsweise das Stück nehmen, das sie wolle. Sie nahm zuversichtlich das größte, worauf er es ihr von der Gabel riss, in den Mund steckte und ihr den unansehnlichsten Brocken gab. Sie weinte; der Vater drohte Schläge an: „Es gibt im Leben keine Gerechtigkeit, das könnt ihr nicht früh genug lernen!“
Ein anderer Vater beobachtete, wie seine Tochter in der Zeit der Lebensmittelmarken nach dem Krieg drei Scheiben trockenes Brot aß, um die vierte dick mit der wenigen Wurst bestreichen zu können, die ihr zugeteilt war. Er nahm die aufgesparte Wurst und sagte zu dem weinenden Mädchen: „Du hast drei Scheiben trocken gegessen, da kannst du die vierte auch noch so essen.“

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