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Kleists Narzissmus

Freud sucht vor allem Isidor Sadgers Konzept einer narzisstischen Objektwahl bei Homosexuellen weiterzuentwickeln. Wie schon in der „Traumdeutung“ ist sein entscheidender Schritt die Annahme einer Überlagerung primär „perverser“ Strukturen des Trieblebens durch kulturelle Einflüsse.
Freud dreht sozusagen die Frage der konventionellen Psychiater um. Er frägt nicht mehr, weshalb einige wenige Menschen als „Perverse“ auffallen, sondern weshalb es so vielen gelingt, ein von entsprechenden Impulsen geprägtes Frühstadium zu überwinden. Irgendwann einmal „wollte“ jeder von uns nicht nur den Vater erschlagen und die Mutter heiraten, sondern war auch in das eigene Spiegelbild unsterblich verliebt.
Also waren wir alle zu Beginn unserer Entwicklung „Narzissten“. Wenn dieses Stadium nicht ausreichend überwunden wird, ergeben sich laut Freud „narzisstische Neurosen“, die nicht behandelt werden können und von den Psychiatern „Schizophrenie“ oder „Paranoia“ genannt werden. Zugleich hilft  die Annahme eines primären Narzissmus, seelische Merkmale von Kindern und von Primitiven besser zu verstehen, deren Muster sich auch bei Zwangskranken und im Grössenwahn finden – der Glaube an die „Allmacht der Gedanken“, an die Zauberkraft der Worte, an die Magie schlechthin, die Freud als „Anwendung dieser grössensüchtigen Voraussetzungen“ charakterisiert.
Die Eigentümlichkeiten der psychoanalytischen Narzissmus-Modelle werden verständlicher, wenn ihre Ursprünge mitbedacht werden. Freud hat öfter und auch in seiner Narzissmus-Arbeit betont, dass er „alles andersartige, auch das biologische Denken von der Psychologie ferne zu halten“ gedenke, gleichzeitig aber zugegeben, das gerade die Libidotheorie „wesentlich biologisch gestützt“ sei.  Diese Aussage ist unscharf. Es gibt logisch richtiges oder falsches, genaues oder ungenaues Denken, aber kein biologisches oder psychologisches.
Freuds Aussage ist somit politisch: er will die Psychoanalyse als eigenständige Wissenschaft sehen, spricht daher immer wieder als Psychologe gegen die naturwissenschaftliche Engstirnigkeit der Mediziner, als Kliniker gegen die praxisfernen Theoriegebäude der zeitgenössischen Psychologie.
Den wichtigsten klinischen Zugang zum Narzissmus, sagt Freud weiter, können wir nicht beschreiten, da sich Geisteskranke für ein analytisch-deutendes Vorgehen nicht eignen.

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