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Innenansichten zum Amoklauf

Ein erster Entwurf der folgenden psychologischen Skizze entstand nach dem blutigen Amoklauf an einer deutschen Schule in Freising im Februar 2001. Sie sucht die innere Situation eines Tätertypus zu erfassen, der seit Erfurt nicht mehr aus den Schreckensszenarien unseres neuen Jahrhunderts wegzudenken ist.

Wenn es einem Menschen nicht gelingt, befriedigende Gefühlsbeziehungen herzustellen, führt das zu einem Mass von innerem Elend und ständiger Angst, das sich „normale“ Personen nicht vorstellen können. Die narzisstische Beziehungslähmung führt zu einem quälenden Neid auf alle Menschen, die in jenen „guten“, entspannten Beziehungen leben, die sich der Gestörte nicht zutraut und nicht vorstellen kann. Er steht gewissermassen draussen in Kälte und Dunkelheit, während er sieht, wie – keinen Schritt entfernt und doch unerreichbar – andere Menschen in Wärme und Licht zusammenleben, sich austauschen, einander lieben und befriedigen. Er fühlt sich unfähig, diesen Zustand zu erreichen. Viele Verhaltensweisen, die uns krankhaft und unverständlich erscheinen, sind in Wahrheit Versuche, irgendwie mit der Belastung dieses Ausgeschlossenseins zurechtzukommen, oder einen letzten Appell an die Umwelt zu richten, dass sie etwas unternimmt, um den Ausgeschlossenen hereinzuholen. Sie sind destruktiv.

Wer aber selbstgerecht über die Destruktivität eines anderen urteilt, sollte vorher nachdenken. Er sollte überlegen, ob wir nicht alle oft genug wegsehen, weil es unbequem ist, uns mit Menschen zu beschäftigen, denen es schwer fällt, Kontakt zu uns herzustellen und uns für sie einzunehmen.
Es sind Jugendliche, bei denen die Unfähigkeit, tragfähige Beziehungen einzugehen, durch eine narzisstische Verschmelzung mit Waffen kompensiert wird. Der Waffenarr ist ein harmlos wirkender junger Mann mit einem besonderen Spielzeug. Er ist ein Mann, der meint, keine Chance zu haben, seine Ansprüche an Anerkennung und soziale Geltung durch geistige Leistungen oder Charme zu erfüllen. Er ist in einer von Mediengewalt gleichzeitig stimulierten und betäubten Welt eine menschliche Bombe. Der Täter in Freising hatte mehrere Rohrbomben und zwei Faustfeuerwaffen bei sich, die er sich illegal beschafft hatte. Der Täter in Erfurt trug eine 17- schüssige, automatische Pistole und eine halbautomatische Schrotflinte, beide ordentlich mit Waffenbesitzkarten erworben. In Erfurt fand der Bruder des Todesschützen ein Depot mit über 500 Schuss Munition: Zeichen der immensen Angst des Täters, am Ende ohne die Macht über seine Explosionen dazustehen. Die Täter wirken schüchtern und kontaktgestört. Da ihre Ansprüche an Geltung und Erfolg ihre realen Möglichkeiten weit übersteigen, ziehen sie sich in eine Scheinwelt zurück. Sie verwickeln sich in Lügen, um ihre Umwelt und sich selbst darüber zu täuschen, dass sie versagen. Jedes Stückchen Entwertung steigert ihren geheimen Grössenwahn, der sich schliesslich in Gewaltphantasien niederschlägt.

Der Waffennarr – eine Innenansicht

Irgendwann hast du dich entschlossen, dich zu erschiessen. Aber du bist nicht allein schuld daran, dass es so weit gekommen ist. Andere haben dich dazu gebracht. Sie verdienen es, gekillt zu werden, so wie du dich selbst killen musst, damit endlich Ruhe ist. Sie bilden sich ein, sie hätten dir was zu sagen, sie seien stärker als du. Die Lehrer, die dich so fertig gemacht und aus der Schule geworfen haben. Die dir zeigen, wer hier der Arsch ist. Wenn solche Leute die Macht haben, wenn sie dich hinauswerfen können – was ist das Leben dann noch wert? Was hat es für einen Sinn, weiterzumachen, wenn jeder Dreckskerl, nur weil er einen Titel hat, dich hinauswerfen kann, dir alles wegnehmen, was du hast? Damit musst du Schluss machen.

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