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Freuds Utopie und die Aktualität der Psychoanalyse

Zum 150. Geburtstag von Sigmund Freud

Freud wurde am 6. Mai1856 geboren, im Todesjahr von Heinrich Heine. Seine Jugend in Wien war von einer Epoche bestimmt, in der die Utopie einer friedlichen, von Wissenschaft und Bildung getragenen, liberalen und multikulturellen Gesellschaft zum Greifen nahe schien. Seit 1848 hatte sich die Lage der Juden in der Donaumonarchie stetig verbessert, um 1867 waren alle Reste rechtlicher Diskriminierung aufgrund der Religionszugehörigkeit beseitigt worden (die bis dahin beispielsweise jüdische Hebammen in nichtjüdischen Haushalten verboten). Juden waren wählbar, sie stellten Bürgermeister der liberalen Partei, „jeder fleissige Judenknabe (trug) also das Ministerportefeuille in seiner Schultasche“, wie Freud in der „Traumdeutung“ sagt.

Während der Gymnasialzeit Freuds (1865 – 1873) stieg die Zahl der jüdischen Schüler dort von 44 auf 73 Prozent, In den 80er Jahren war mindestens die Hälfte der Ärzte, der Journalisten und Anwälte in Wien jüdisch. Es war eine Aufbruchsstimmung ohnegleichen; niemand konnte voraussehen, dass bald die Verfolgung der „Ungläubigen“ in weit bösartigerer Gestalt zurückkehren würde. Was Freud immer als seine „Weltanschauung“ verteidigt und zur Grundlage der psychoanalytischen Haltung gemacht hat, wurzelt in dieser politischen Situation.

Im vorliberalen Europa musste sich der Jude, dem die rechtlichen Einschränkungen lästig waren, taufen lassen. Eine solche Demütigung wäre in der liberalen Zukunft, in der engstirnige Tradition dem wissenschaftlichen Fortschritt weichen muss, den Juden erspart geblieben. Es gab eine gemeinsame Welt für sie und für alle anderen, die sich der Welt geistig bemächtigen wollten. In dieser spielten Glaube, Hautfarbe, Herkunft und Geschlecht keine Rolle mehr.
Es waren freiere Zeiten als heute, denn Auschwitz kann aus der Welt nicht mehr hinausgedacht werden. Für Freud bedeutete der Satz: „Auch ich bin Jude geblieben“, den er neben die Selbstdefinition als „gottloser Jude“ stellt, dass er es für verfehlt gehalten hätte, eine durch Geburt erworbene Religionszugehörigkeit gegen eine zufällig praktischere zu tauschen, sich also – wie noch Heine – aus Karrieregründen taufen zu lassen. Das war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für eine Karriere in Verwaltung oder Militär noch unabdingbar.

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