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Minenfeld oder Kreidekreis?

Das Scheitern der interkulturellen Kommunikation im Fall Özil

Dieser Essay erschien im Juli 18 leicht verändert unter dem Titel „Auf dem Weg zum verlässlichen Bürger“ in der Welt am Sonntag

Ehe der Fall Özil so durchgenudelt ist, dass keiner mehr etwas davon hören kann, sollte doch die Frage gestellt werden: Was können wir daraus lernen?
Als meine Großeltern heirateten, war es ein Skandal, dass sich eine katholische Kaufmannstochter in einen evangelischen Juristen verliebt hatte. Der Jurist musste zusichern, dass die gemeinsamen Kinder katholisch getauft wurden. Sonst drohte der Großmutter die Exkommunikation. Ich selbst habe im katholischen Passau noch eine Predigt gehört, dass Kinder aus „Mischehen“ spätestens in der zweiten Generation zu Heiden werden.
Hier sind wir inzwischen weiter. Unterschiedliche Konfessionen in einer deutschen Familie sind kein Anstoß mehr. Es ist selbstverständlich, dass sich ein Protestant in einer katholischen Familie integriert – und umgekehrt. Geteilte Loyalität zuzulassen, setzt eine stabile Mischung aus Respekt vor dem Individuum und Toleranz für Unterschiede voraus. Wenn das Ganze genießbar sein soll, gehört noch eine Prise Humor dazu. Gesunde Familien entwickeln sich durch eine stabile Mischung von Nähe zu den erfreulichen, Abstand zu den unerfreulichen Aspekten des Partners, seiner Eltern und Geschwister. Es ist eine verhängnisvolle Illusion, dass Integration ohne Abstand, ohne das Gemisch von Befremdung und Einfühlung in das Fremde gelingen kann.
Angesichts des Streits um die Fotos zweier Nationalspieler mit dem türkischen Präsidenten hat sich gezeigt, wie wenig wir bisher in der Lage sind, mit einer geteilten Loyalität umzugehen. Humorlosigkeit und Empathiedefizite lassen sich auf beiden Seiten beobachten. Wenn ich aus meiner eigenen Kultur heraus beleidigt werde, muss ich mich persönlich streiten. Wenn ich interkulturell beleidigt werde, kann ich „Rassismus“ schreien. Das wird ein Kampf mit ungleichen Mitteln, denn wer ist nicht gegen Rassismus?
Es ist unrealistisch, vom Sohn eines patriotischen Türken zu verlangen, er hätte Erdogan so sehen müssen, wie es eine deutsche Mehrheit tut. Es ist für einen ehrgeizigen jungen Mann schwer genug, die Wärme seiner türkischen Familie gegen die Kälte zu tauschen, die unser mitteleuropäisches, manchmal gnadenloses Leistungsdenken auszeichnet. Er wird danach streben, sich möglichst viel von dieser Wärme zu erhalten, auch wenn er genau weiß, dass sein Platz nicht in dem Dorf am Schwarzen Meer ist, aus dem seine Eltern kommen, sondern mitten in eben dieser Leistungsgesellschaft.
Wer viel Erfolg hat, mag glauben, dass die geerntete Anerkennung ein Zeichen dafür ist, dass er wirklich dazu gehört. Er rechnet nicht mehr damit, dass die feine Linie immer bleiben wird, die ihn von denen trennt, die schon immer da waren. Gemeinsamer Erfolg schafft Schönwetterbeziehungen. Er neutralisiert Aggression und Neid. Die wirklich Qualität einer Beziehung zeigt sich erst unter Stress.
Tiefe Kränkung, Gefühle von Verfolgung und Verrat sind zu erwarten, wenn ein Star, der in seinem Erleben kein Unrecht findet, plötzlich von einem wichtigen Geldgeber ausgegrenzt wird. Man kann sich vorstellen, was es Özil bedeutet hat, Werbeträger für Mercedes zu sein – und wie viel Einfühlung und Geduld es gekostet hätte, ihm zu vermitteln, dass die Entscheidung gegen ihn nicht rassistisch gemeint war.
Wer die menschliche Psyche erforscht, beobachtet immer wieder, wie gut Menschen ein karges Leben verkraften – und wie viel Wut entsteht, wenn ihnen etwas weggenommen wird, dessen sie sich sicher glaubten. Der millionenschwere Manager wird nach einer Kränkung ebenso depressiv wie der einfache Polizeibeamte, dem eine Beförderung verweigert wurde. Daher ist die Bemerkung des deutschen Außenministers empathiearm, ein Multimillionär, der im Ausland lebe und arbeite, sei kein Modell für Integration in Deutschland. Klarer lässt sich kaum formulieren, was nach den vielen seelischen Opfern einer Anpassungsgeschichte besonders bitter enttäuscht: So lange wir dich brauchen können, bist du Vorbild. Aber wenn es uns nicht mehr passt, wollen wir dich nicht mehr dabei haben.
Wahrscheinlich hat Özil das verbale Gewitter nicht selbst verfasst, das sich in seinem Namen über dem Deutschen Fussballbund und seinem Präsidenten entladen hat. Auf jeden Fall aber ist die Richtung lehrreich, in die sich seine Wut bewegt. Am meisten versagt hat in seinen Augen die Vaterfigur. In der Tat ist ein Präsident, der Schweigen nur als Versagen oder Trotz deutet und an Trauer oder Hilflosigkeit nicht einmal denkt, keine gute Vaterfigur.
Ein erfahrener Politiker wie Reinhard Grindel hätte sich mehr einfallen lassen müssen als darüber zu klagen, dass ein politisch unkundiger Fußballspieler schweigt, statt über eine Krise zu kommunizieren, die seine Aktion im Spannungsfeld zwischen türkischen und deutschen Populisten ausgelöst hat.
Grindel hätte eine Vaterfigur sein können, die den Sohn auffängt, berät, ihn so gut wie möglich unterstützt. Er hätte auf Özil zugehen, sich mit ihm beraten müssen. Wie viel interkulturelle Ahnungslosigkeit ist da „normal“ geworden, wenn Funktionäre keinen Gedanken an den Seelenzustand eines jungen Mannes mit türkischen Wurzeln verschwenden, für den Respekt vor Vätern und Schutz durch Väter selbstverständlich sind?
Dieses Spiel hat leider Erdogan gewonnen – nicht weil er so gut ist, sondern weil seine Gegner nicht einmal den Ball gefunden haben. Der polternde Uli Hoeneß hat noch ein Eigentor geschossen, als er Özil als Fußballer schlecht machte. Prompt haben Journalisten recherchiert und Hoeneß der fake news überführt. Özil hat auch 2018 noch weit mehr als die Hälfte seiner Zweikämpfe gewonnen.
In dem politischen Spiel, in das der türkisch-deutsche Profi geraten ist, gibt es weder Regeln noch einen Schiedsrichter und nicht selten zwei Verlierer. Solange Özil seine türkischen und deutschen Wurzeln ungestört wachsen lassen konnte, ist er gut gediehen. Die Schwierigkeiten begannen, als an ihm gezerrt wurde – auf der einen Seite von einem türkischen Präsidenten, dem jedes Mittel recht ist, einen Wahlkampf zu führen, auf der anderen Seite von einer deutschen Öffentlichkeit, die mit geteilten Loyalitäten nicht umgehen kann.
Die Lehre aus dem Geschehenen könnte sein, dass wir uns im interkulturellen Umgang mehr Raum geben. Einfühlung benötigt Zeit, sie kann sich erst entfalten, wenn Unsicherheit zugelassen wird und nicht die hektische Suche nach einem Schuldigen vom Druck der Ängste entlasten muss, etwas falsch eingeschätzt zu haben.
Vielleicht sollten wir uns öfter an die Fabel vom Kreidekreis erinnern, in dem ein verletzliches Geschöpf steht, das von zwei Mächten beansprucht wird. In der klassischen (chinesischen, in Brechts Fassung bekannt gewordenen) Fassung der Geschichte sind es zwei Mütter, eine liebevolle und eine ehrgeizige. Und obwohl die Machthungrige sich erst einmal durch ihre Rücksichtslosigkeit durchsetzen kann, verliert sie am Ende, weil sie nicht loslassen, sich nicht einfühlen kann oder will.
Ähnlich sollte Deutschland nicht an den Menschen mit Migrationshintergrund zerren, um sie für sich zu gewinnen. Sie einfühlend auch einmal loszulassen, schafft verlässlichere Bürger als Druck, Zwang oder Schelte.

Zu diesem Thema ist aktuell im Murmann Verlag das gleichnamige Buch „Helikoptermoral“ erschienen.

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