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Weil er es tun kann

Die ersten Schüsse wurden bei dem Massaker in Las Vegas als Teil der Veranstaltung missverstanden – ein Trommelwirbel, der Beginn des Feuerwerks, mit dem solche Festivals oft beendet werden. Viel zu spät bemerkten die Teilnehmer, dass etwas nicht stimmte. Minutenlang schoss der 64 Jahre alte Stephen Paddock aus dem 32. Stockwerk eines Hotels auf Menschen, die tief unter ihm wimmelten. Er konnte aus dieser Entfernung nicht genau zielen, aber das ist bei Maschinengewehrfeuer auch nicht nötig. Manchmal gab es Pausen – er brauchte sie zum Nachladen der Schnellfeuerwaffen.
Zunächst reklamierte die Terrormiliz IS die Tat für sich. Aber Paddock kämpfte für kein fassbares Ziel. Sein Bruder Eric beschreibt ihn als wohlhabenden Einzelgänger ohne ausgeprägte politische oder religiöse Überzeugungen. Die Nachbarn in seinem Wohnort, einer Kleinstadt 120 Kilometer nordöstlich von Las Vegas, zeichnen einen zurückgezogenen, unfreundlichen Buchhalter, der keine Freunde hatte. Auch seine Freundin weiß von nichts.
Wenig Freunde, viele Waffen. Paddock hatte vier Tage lang Taschen mit insgesamt 23 Waffen und vielen Tausend Patronen auf sein Zimmer geschleppt. In seinem Auto findet die Polizei Zutaten für den Bau von Bomben, in Paddocks Haus weitere Schnellfeuerwaffen und Massen von Munition. Was sie nicht findet: ein Motiv für die Tat.
Aber wie viel Sinn macht es, nach solchen Motiven zu suchen? Es war ein grausam erweiterter Selbstmord, in dem sich ein Konglomerat aus Menschenhass und Selbsthass manifestiert, den keine Lebensgeschichte, kein Trauma, keine innere Not wirklich erklären kann. Wenn sich Paddock hätte festnehmen lassen und sich wie damals Breivik in Norwegen in wirren, selbstbezogenen Erklärungen ergangen hätte – um wie viel wären wir klüger? Was könnten wir tun, um solche Taten zu verhindern?
Die in der menschlichen Tragödie der Opfer verborgene politische Tragödie ist die Blindheit der Politik gegenüber einer Waffenindustrie, die leugnet, wie mächtig die Verführung zum Massenmord allein durch Möglichkeit ist, ihn zu vollziehen. Praktisch reduziert sich die Frage nach Motiven auf eine schlichte Frage und eine ebenso schlichte Antwort: Warum hast du das getan? Weil ich es konnte!
Die US-Waffenlobby hat 30 Millionen Dollar in den Wahlkampf Donald Trumps investiert; er hat im Gegenzug versprochen, das in der Verfassung verankerte Recht des Amerikaners auf eine Feuerwaffe zu erhalten. Mindestens 300 Millionen Schusswaffen befinden sich heute in den USA in Privatbesitz. Wenn Barack Obama nach einem der vielen Vorgänger des Massakers von Las Vegas davon sprach, endlich etwas zu unternehmen, schossen die Verkäufe in die Höhe. Vorratswirtschaft, Umsatzsteigerung – und dann doch kein Verbot.
Einschränkungen wurden nur bei Personen diskutiert, die sich in psychologischer Behandlung befinden. Dieses Verbot ist diskriminierend. Es straft die Einsichtigen, die sich behandeln lassen, und leugnet die Gefahren, die von den Uneinsichtigen ausgehen. Immerhin hat das Massaker in Las Vegas ein Argument nachhaltig entkräftet, mit dem Republikaner sämtliche Vorstöße blockieren: Gegen einen Schützen könne man sich nur wehren, indem man sich selbst bewaffnet.
Caleb Keeter, Gitarrist der Westernmusiker Josh Abbott Band, die am Abend spielte, war bisher ein Waffenfreund und hatte Schießeisen im Bus. „Hätten wir sie geholt, hätte uns die Polizei womöglich für Täter gehalten“ schrieb er im Internet. Ein Chaos wäre ausgebrochen. „Wie konnten wir nur alle so blind sein“, fragt Keeter. Der zweite Verfassungszusatz stammt aus dem Jahr 1791. Er bezieht sich auf Gewehre und Pistolen, die man sorgfältig einzeln laden musste, um einen Schuss abzugeben.
Für die Jagd und den Sport wären solche Waffen völlig ausreichend. Sie würden auch dem Wild eine faire Chance geben. Schnellfeuergewehre, wie sie Paddock und alle seine Vorgänger verwendeten, sind reine Kriegswaffen, unsportliche Mordmaschinen, deren Fortschritt unter anderem darin liegt, dass in einer Minute Munition für über tausend Dollar verballert werden kann. Das steigert den Umsatz der Waffenindustrie – und kostet Menschenleben.

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