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Hinter Tugendmasken stecken oft Fanatiker

Gekürzt erschienen in GEO, April 2017

Mediengesellschaften entwickeln eine dekontextualisierte Ethik, die ich anschaulicher Helikoptermoral nenne. Dekontextualisiert heißt: Werte werden aus dem Zusammenhang gerissen. Sie werden zum Superlativ übersteigert, sobald sich Zweifel melden. Sie spalten den Blick auf die Welt. Statt das Zusammenleben der Menschen angemessen zu regulieren, wird diese Moral zu einem Mittel, einen Sturm der Entrüstung zu entfesseln, die eigene Geltung auf Kosten eines Denunzierten zu steigern und in der Folge Menschen zu zerstören.
Charakteristisch für die Helikoptermoral ist das schnelle, dramatische Urteil, das die klassische Gewaltenteilung völlig ignoriert: Anklage wird Schuldspruch. Ein Beschuldigter verliert Stellung und Ansehen, ehe die Vorwürfe geklärt sind. Die Helikoptermoral steht für eine Art moralischer Punktlandung, die mächtig Wind macht, alles durcheinanderbläst und oft mit Getöse so schnell wieder abhebt, wie sie landete. Sie gleicht in ihrer Theatralik und in ihrer Verweigerung von Übersicht, Versöhnung und Toleranz einem unblutigen Terrorismus.
Es geht nicht um einen Menschen, dessen Persönlichkeit so lange geschützt ist, bis die Schuldfrage geklärt werden kann, sondern es geht um die Interessen der Insassen in den Moralhelikoptern, die den Angeklagten missbrauchen, um ihre geltungsbedürftigen Urteile durchzusetzen. Gegenüber dem von den Helikopterflügeln aufgewirbelten Shitstorm ist der Gerichtssaal selbst für Menschen, deren Tätigkeit von der Öffentlichkeit geprägt ist, der reinste Fronturlaub.
So unfertig kann eine Ermittlung gar nicht sein, sie wird jemandem zugespielt und steht Stunden später im Internet. Sobald die Öffentlichkeit mit Vorverurteilungen getränkt ist, wird kaum ein Gericht noch wagen, ein Verfahren wegen Geringfügigkeit einzustellen, weil die Beweislage für eine Anklage nicht ausreicht. Man will sich doch nicht dem Verdacht aussetzen, mit ungleichem Maß zu messen und den Sturm der Entrüstung auf sich selbst ziehen.
Die Schere zwischen einer gerechten Strafe für Verfehlungen und einem zerstörten Leben öffnet sich immer weiter. Das Moralgeschrei übertönt jede nüchterne Frage, was denn nun wirklich geschehen ist. In Zeiten der Helikoptermoral explodiert angesichts eines ersten Verdachts das bisher gesammelte Ansehen. Die Scherben treffen die Umstehenden, drohen ein paar weitere Karrieren zu ruinieren. Für die Schäden steht niemand grade.
Der deutsche Schriftsteller Günther Grass war als 17-Jähriger zur Waffen-SS eingezogen worden. Grass hatte nie behauptet, als junger Mann gegen die Nazis gewesen zu sein, im Gegenteil. Er betonte persönlich und beschrieb meisterhaft in der Blechtrommel, wie Großdeutschland nach außen im Inneren zur Verzwergung führte.
Was folgte, war ein moralischer Sturm, der vor allem um zwei Themen kreiste: Wir hätten ein Recht gehabt, es früher zu erfahren! Wer bei der SS war, wird für immer ein Nazi bleiben.
Es war, als hätte Grass an einem frühen Punkt seiner Biografie eine rote Fahne gehisst und einen weißen Kreis gezogen, den Landeplatz für die unterschiedlichsten Helikopter mit moralischer Fracht. Wenn es dem Schriftsteller auf Dauer wenig geschadet hat – es lag auf jeden Fall nicht an einem Mangel an moralischem Getöse und strafender Energie von Seiten seiner Sittenrichter.

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