Kolumnen
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Der Kleiderbaum von Wolfsburg

Die Welt steht Kopf: Während die Missionare glauben, ihr Bekehrungswerk mache gute Fortschritte, weil immer neue Wilde züchtig bekleidet in ihre Kirche kommen, reiben sich die Wilden insgeheim die Hände. Die Macht in der Wildnis ist die ihre geblieben, nichts scheint leichter herzustellen als das Image des Zivilisierten, der sich an die gepredigten Regeln hält.

Es ist sicher kein Zufall, dass der Skandal in den USA aufgedeckt wurde, nicht hierzulande, wo es sicher sehr viel mehr Menschen gab, die das tun hätten können. Aber wenn VW niest, hat Deutschland Angst vor einer Lungenentzündung und glaubt lieber, dass angesichts der staatlichen Auflagen zum Umweltschutz vielleicht ein wenig geschönt, auf gar keinen Fall aber so krass und gefährlich gelogen wird, wie es sich gegenwärtig herausstellt.

Was kommt auf uns zu, wenn kapitalistische Unternehmen, die riesige internationale Imperien aufbauen, nicht mehr moralische Disziplin entfalten als Kinder, die ihre Schulzeugnisse fälschen, weil sie für jede gute Note zehn Euro bekommen? Für jemanden, der Marx und Freud gelesen hat, ist es freilich keine große Überraschung, wer im Zusammenprall von Moral und Kapital die Oberhand behält. Der VW-Konzern ist aus einer Ehe zwischen Staat und Kapital hervorgegangen und hat es oft beliebt, sich quasi als öffentlich-rechtliche Einrichtung in die Brust zu werfen. Jetzt sehen wir, wie treffend der Witz geblieben ist, den Sigmund Freud vom ungläubigen Versicherungsvertreter erzählt hat. Als er im Sterben liegt, rufen seine Kinder den Rabbi, damit er ihn bekehre. Der Geistliche und der Kranke sprechen lange miteinander. „Und?“ fragen neugierig die Kinder, als der Rabbi geht. „Ich habe eine Versicherung gekauft“, sagt dieser.

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