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Der Kleiderbaum von Wolfsburg

In einem älteren Reisebericht über Australien habe ich die Geschichte steht die Geschichte vom Kleiderbaum gefunden. Sie hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, weil sie einen kulturellen Abwehrmechanismus anschaulich macht, den ich auch aus der Familientherapie kenne: die Tochter kann sich nicht offen gegen die Mutter durchsetzen, die sie nach ihren Vorstellungen „korrekt“ einkleidet. So führt der Schulweg erst einmal in die heimische Garage oder zu einer Freundin, wo die zerissenen Jeans und das sexy T-Shirt versteckt sind.

Der australische Kleiderbaum steht irgendwo im Busch nahe einer Station, in der die Missionare den Eingeborenen Mehl und Zucker nur dann spenden, wenn diese „christlich“ bekleidet und nicht als nackte Heiden in den Gottesdienst kommen. Die Aborigines ziehen es an sich vor, nach der Sitte ihrer Ahnen zu jagen und zu sammeln. Aber sie wollen sich auch die Geschenke nicht entgehen lassen. Also kann jeder, der aus der Wildnis kommt, sich von dem Kleiderbaum das Zubehör holen, einen schicklichen Eindruck zu machen. Das lohnt sich.

An diese Geschichte habe ich auch gedacht, als die Manipulationen bekannt wurden, mit denen der mächtige VW-Konzern seine Dieselmotoren als viel zivilisierter und gesitteter ausgab, als sie in Wahrheit sind. Die automatische Inszenierung der Software erspart die persönliche Schwindelei, aber das Ergebnis ist im Prinzip ähnlich. Der große, international operierende Konzern hat einen Kompromiss gefunden, welcher der Chuzpe der Aborigines verblüffend ähnlich ist. Der Anschein einer Unterwerfung ist gerade so gut wie diese selbst! Schon sind die strengen (Abgas)Normen erfüllt, und was nachher auf Straßen und Autobahnen weiter geschieht, wird niemand bemerken. Im Gegenteil: der Missionar tut gut daran, die Regression seiner Bekehrten nicht wahrzunehmen, denn dann müsste er an der Wirksamkeit seiner Predigt zweifeln.

Jetzt ist der Kleiderbaum entdeckt, der plakativ schuldige Vorstandsvorsitzende ist zurückgetreten, die mittleren und kleineren Schwindler werden noch gesucht. Dem Bürger aber schwindelt vor der Frage, was das zu bedeuten hat und auf welche Szenen wir uns noch vorbereiten müssen. Ein Konzern, der zum guten Teil dem Staat gehört und öffentlich kontrolliert ist wie wenige andere, kann den Staat und dessen Gesetze so wenig ernst nehmen wie Heiden die Missionare, wie Kinder die Moralpredigten und Geschmacksurteile ihrer Eltern. Er kann so tun, als sei er einsichtig und umweltbewusst, als nehme er alle Auflagen ernst, erfülle sie auf dem Prüfstand pflichtbewusst und fast perfekt – um dann, kaum ist die Prüfung überstanden, die Sau herauszulassen.

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