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Die Bedeutung der Handarbeit für den Kopf

Die Konstrukteure rechtfertigen das damit, dass der Markt über solche Fragen entscheidet. Abgesehen davon, dass sich mit diesem Argument auch der Verkauf von Heroin rechtfertigen lässt, entscheidet der Markt nur so lange für den Raubbau an natürlichen Rohstoffen und menschlicher Gesundheit, wie die Folgen dieser Entscheidungen nicht dem Produzenten zugemutet, sondern von einer Allgemeinheit getragen werden, welche die langfristigen Folgen dieses Wachstumswahns von Konsum und Komfort ignoriert.

Wir sind in eine Welt geraten, in der es „normal“ geworden ist, dass gutverdienende, körperlich gesunde Menschen mit einem dicken Geländewagen zehn Kilometer zu ihrem Arbeitsplatz fahren und dann am Abend auf einem Trimmfahrrad in ihrem Keller den so etablierten Bewegungsmangel kompensieren, ehe er ihrer Gesundheit schadet.

Handwerk im besten Sinn hebt den Unterschied zwischen Hand und Kopf auf. Es ist die Hingabe an eine Sache, in der wir uns gleichzeitig tätig und entspannt fühlen. Während ihrer Ausbildung habe ich bei einer angehenden und später sehr erfolgreichen Architektin beobachtet, wie sie auf die Frage eines Kommilitonen reagierte, der sich wunderte, dass sie in einem Plan alle Stufen einer Treppe gezeichnet hatte, nicht nur die erste und die letzte, wie das bei solchen Wiederholungen des Gleichen üblich sei. Sie antwortete: „Ich finde das eine meditative Beschäftigung!“

Wer eine Fertigkeit übt, die ihn ganz und gar erfüllen kann, wird in der Regel den Beginn mühsam finden und umso mehr Befriedigung entwickeln, je mehr er diese Tätigkeit beherrscht. Je besser sein Instrument klingt, desto mehr Freude macht es dem Musiker, zu üben und noch besser zu werden. Jede Übung des eigenen Könnens ist immer Schwankungen unterworfen; es gibt gute und schlechte Tage, es fließt oder stockt. Gerade aus diesen Schwankungen lernt der Handwerker, die eigene Tätigkeit genauer wahrzunehmen.

Je mehr es ihm gelingt, seine Tätigkeit geistig zu besetzen und zu durchdringen, sich in ihr wahrzunehmen und zu entwickeln, desto weniger ist er von jenen Formen einer beruflich geprägten Depression beeinträchtigt, die unter dem Begriff des Burnout inzwischen zu einer Modekrankheit geworden sind. Ich zitiere noch einmal Sennett:
„Ausdrücke wir ‚handwerkliche Fertigkeiten‘ oder ‚handwerkliche Orientierung‘ lassen vielleicht an eine Lebensweise denken, die mit der Entstehung der Industriegesellschaft verschwunden ist. Doch das wäre falsch. Sie verweisen auf ein dauerhaftes menschliches Grundbestreben: den Wunsch, eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen. Und sie beschränken sich keineswegs auf den Bereich qualifizierter manueller Tätigkeiten. Fertigkeiten und Orientierungen dieser Art finden sich auch bei Programmierern, Ärzten und Künstlern.“

Sigmund Freud hat in seinem Buch über Das Unbehagen in der Kultur in der ihm eigenen Ironie gesagt, dass der Beitrag der physischen Arbeit zur seelischen Gesundheit kaum hoch genug einzuschätzen ist, in jedem Fall aber ihre Beliebtheit übersteigt. In Therapien ist oft viel erreicht, wenn es gelingt, einem Patienten die Freude an seiner Tätigkeit zurückzugeben und ihn von dem Projekt abzubringen, alles Lebensglück in einer erfüllenden Liebe zu suchen. Wir erwarten von der Materie keine Einfühlung, keine Entschädigung für früheres Leid, sondern nur ein Funktionieren entlang von Erfahrungen. Wir sind bescheidener im Umgang mit ihr und haben daher auch nicht nur mehr Erfolgserlebnisse, sondern können diese auch besser voraussagen und verstehen.

Die relative Reife im Umgang mit der Materie, verglichen mit der relativen Unreife im Umgang mit Freundschaft und Liebe, mag mit einer höheren Festigkeit jener Funktionen zusammenhängen, die allein dem individuellen Überleben dienen. Oft ist beschrieben worden, wie Angstneurosen heilen und Zwänge verschwinden, wenn ein Betroffener um sein Überleben ringt, während einer Naturkatastrophe oder als Soldat an der Front.

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