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Die Justiz schweigt

„Der Täter ist Sportschütze.“ Massenmord als narzisstische Geste des 21. Jahrhunderts

Warum wir den Grund für das Morden nicht wissen wollen – und wie weit der Weg ist, um der Gefahr zu entkommen

„Es ist schwer, das Unfassbare zu begreifen.“ „Wir werden es wohl nie verstehen.“ Der erste Satz kommt aus einer aktuellen Tageszeitung nach dem rassistischen Massenmord an Kirchgängern in Charleston, Süd-Carolina. Der Täter, ein weißer 21jähriger, erschoss neun Menschen in einer vorwiegend von Schwarzen besuchten Kirche, nachdem er eine Stunde an der Bibelstunde teilgenommen hatte. Der zweite Satz stammt von dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton. Er fiel nach dem Massaker an der Columbine High School. Einige Monate vor Charleston wurde die Redaktion einer Zeitschrift in Paris ausgelöscht; wenige Tage danach erschoss ein 23jähriger Student 38 Strandurlauber in Tunesien. Im friedlichen Dorf Tiefenthal bei Ansbach in Mittelfranken erschießt ein 47jähriger aus dem fahrenden Auto heraus zwei Menschen. „Der Täter ist Sportschütze“, steht in der Zeitung.

Wir wissen durchaus, warum solche Dinge geschehen – wenn wir es nur wissen wollen. Die Massaker finden statt, weil Menschen dazu fähig und die nötigen Werkzeuge billig zu haben sind. Sie werden häufiger, weil sie eine verführerische Lösung für seelische Nöte bieten.

Es sind Ereignisse, angesichts derer sich der Mensch lieber abwenden und sein Haupt verhüllen würde, wie im antiken Theater angesichts großen Frevels. Wer das nicht tun will, muss sich damit abfinden: „Sinnlose“ Massenmorde mit automatischen Waffen gehören zu den großen Gesten des 21. Jahrhunderts. Sie werden zunehmen und uns bedrohen, bis wir ein wirksames Gegenmittel finden.

Die Zahl der Männer wächst, die sich im Morden von inneren Spannungen zu befreien glauben. Sie trotzt den Versuchen, sie einzudämmen.
Die meisten gewissenhaften Selbstbeobachter werden zugeben, dass ihnen Todeswünsche und Mordimpulse nicht gänzlich fremd sind. Kaum einer hat das in einer so schönen Mischung von Idylle und Schauder vorgetragen wie Heinrich Heine:

„Ich habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene Hütte, ein Strohdach, aber ein gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, läßt er mich die Freude erleben, daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im Leben zugefügt – ja man muß seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt werden.“ (H.Heine, Gedanken und Einfälle)

Der Dichter bekennt sich zu seiner Mordlust gegen jene, die ihn gekränkt haben. Aber er nimmt die Tat nicht selbst in die Hand, er wünscht sich, dass ihm jemand die Henkersarbeit abnehmen möge. In der bürgerlichen Schicht hatte man damals noch Personal.

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