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Harmlos ist die Beschneidung nicht

- sie wird nur von Interessengruppen so dargestellt

Erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 3.7.2012

Das Kölner Landgericht hat mit klarer Logik die Beschneidung als das definiert, was sie ist: Körperverletzung, nur dann rechtlich unbedenklich, wenn sie von einem mündigen Individuum in freier Entscheidung gewollt wird. Dagegen argumentieren die Vertreter des Brauchtums – wie auch Mathias Drobinski in der SZ – damit, dass Beschneidung „dem Wohl des Kindes“ diene und Männer ohne Vorhaut gerade so gut leben wie mit ihr.

Hier wird eine breite wissenschaftliche Literatur ignoriert, welche die Bedenkenlosigkeit sehr in Frage stellt, mit der vor allem in den USA Männer aus „hygienischen“ Gründen als Säuglinge beschnitten werden. Beschnittene Männer berichten in Psychotherapien darüber, dass sie unter dem Gefühl leiden, es sei ihnen ohne ihr Einverständnis etwas weggenommen worden. In der Tat hat die Vorhaut wichtige erotische Funktionen: Sie erleichtert die Penetration und erhält die sexuelle Erregbarkeit. Die „hygienischen“ Rechtfertigungen sind durchsichtige Vorwände; sie sollen einen Brauch legitimieren, der sehr alt ist und ein angespanntes Verhältnis zur Sexualität formuliert, das gegenwärtig sogar manchmal als eine Art Penis-Verbesserung gehandelt wird.

Routine infant circumcision (RIC) – routinemäßige Neugeborenenbeschneidung – nennt sich die Praxis, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts eingeführt wurde, um die in der prüden viktorianischen Gesellschaft verpönte Masturbation zu erschweren. Auch in Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland und Südafrika war bzw. ist RIC verbreitet, doch nirgendwo auf der Welt war der Siegeszug so gewaltig wie in den USA, wo in den 1970ern unter der weißen Bevölkerung Raten von deutlich über 90 % erreicht wurden.

Die Entfernung der Vorhaut von Säuglingen ist buchstäblich einschneidender als die von Erwachsenen oder älteren Kindern. Da Vorhaut und Eichel bei fast allen Neugeborenen noch fest verwachsen sind, ähnlich wie Fingernägel mit dem Nagelbett, müssen diese beiden Strukturen zunächst einmal auseinandergerissen werden. Danach wird – je nach Methode – die Vorhaut längs abgeklemmt und eingeschnitten, mit einem Beschneidungsinstrument rundum für mehrere Minuten gequetscht und schließlich mit einem Skalpell amputiert.

Die gesamte Operation dauert bis zu 20 Minuten. Obwohl in medizinischen Studien bewiesen wurde, dass die Neugeborenen extreme Schmerzen erleiden, ist eine adäquate Betäubung auch heute noch eher die Ausnahme als die Regel. Ethisch besonders bedenklich wird RIC zudem dadurch, dass es sich um einen medizinisch unnötigen, kosmetischen Eingriff an einem nicht zustimmungsfähigen Patienten handelt.

Kein nachdenklicher und einfühlender Mensch wird es gutheissen, dass Säuglingen ein Teil ihres Körpers weggeschnitten wird und sie später womöglich in ihren sexuellen Funktionen beeinträchtigt leben müssen. Dass manche dieser Opfer die Beschneidung als sexuelle Bereicherung und hygienische Notwendigkeit propagieren, steht für die Identifikation mit dem Angreifer, die sich bei vielen Traumatisierten beobachten lässt. Sie führt auch zu der merkwürdigen Zähigkeit, mit der Kulturen und Religionen an qualvollen Ritualen festhalten. Ein Lehrbeispiel ist die grausame Genitalverstümmelung, mit der afrikanische Mütter ihre Töchter zu „richtigen“ Frauen zu machen behaupten.

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4 Kommentare

  1. Florian Friedrich sagt

    S.g. Herr Schmidbauer!

    Danke für diese stichhaltigen Artikel inklusive der Hinweise auf die Identifikation mit dem Aggressor! Dieser Abwehrmechanismus fällt mir auch bei Diskussionen in meinem Bekanntenkreis häufig auf. Das Hygiene-Argument ist schlicht eine Rationalisierung. Abgesehen davon, dass wir aufgrund unserer rigorosen Sauberkeitserziehung es ohnedies viel zu sehr mit der Hygiene übertreiben (siehe Allergien, Pilzinfektionen auf der Mukosa als Folge der von Seife geschädigten Schleimhäuten), hat die Vorhaut ja sogar eine wichtige Schutzfunktion (insofern widerspricht das Hygiene-Argument der Evolutionsbiologie). Solche Argumente führen daher sich selbst ad absurdum.
    Ich möchte hier noch ergänzen, dass das Wohl und die Freiheit des Kindes (worunter auch die körperliche Unversehrtheit fällt) über dem Recht der Eltern auf freie Religionsausübung steht. Beide ethischen Grundsätze sind zwar in den Menschenrechten verankert, doch kommt hier das Prinzip der begrenzten Freiheit zum Tragen: Die Freiheit des Einzelnen oder einer Gemeinschaft (hier die Religionsfreiheit) endet dort, wo die der Anderen beginnt (hier die körperliche und seelische Unversehrtheit des Kindes).
    Immerhin kann ja ein Mensch, wenn er mündig ist, selber in eigener Verantwortung entscheiden, ob er sich aus rel. Gründen beschneiden lassen möchte oder nicht. Es geht aber nicht an, dass Eltern ihre Kinder so sehr narzisstisch besetzen, dass sie deren Integrität verletzen. Hier kommt wieder der Narzissmus der Eltern und Religionsgemeinschaft zum Tragen, der zu wissen meint, welcher Religionsgemeinschaft die Kinder anzugehören haben und wie deren Körper beschaffen sein sollte.
    Ich wünsche mir diesbezüglich mehr Selbstreflexivität und ein Abstandnehmen von der grandiosen Überzeugung (vermeintlich) zu wissen, ja nur das Beste für die eigenen Kinder zu wollen. Dass diese Analysen schmerzhaft sind und Widerstände bei Religionsgemeinschaften und Eltern wecken , ist verständlich, sollte uns aber nicht abhalten, auf Missstände und psychische/physische Grenzverletzungen hinzuweisen.

    Freundliche Grüße!
    Florian Friedrich

  2. Florian Friedrich sagt

    Sehr aussagekräftig ist auch Ihr dritter Beitrag, in dem Sie betonen, wie wichtig Takt und Einfühlvermögen in die Eltern beschnittener Kinder sind (was natürlich schriftlich oft schwer möglich ist, weil hier ja kein lebendiger Dialog mit den Eltern entstehen kann). Es gibt nichts Schlimmeres in Psychotherapie und Sozialer Arbeit als in Alice Millerscher Grandiosität die Kinder auf Kosten der Eltern „retten“ zu wollen. Viele Eltern haben ohnehin permanent latente Schuldgefühle, die nur verstärkt werden, wenn sich der Psychhotherapeut oder Sozialpädagoge zum Moralapostel aufschwingt. Letztlich wirken die Schuldgefühle der Eltern dann auch wieder negativ auf den Umgang mit den Kindern zurück.
    Auch halte ich es für ein großes irriges Missverständnis der Psychoanalyse, Neurosen auf einzelne Traumen (was die Beschneidung gewiss ist), zurückzuführen. Solche einfachen, monokausalen Erklärungsansätze passen nur allzu gut zu unserem Zeitgeist. Wie Sie schreiben: Wenn ein beschnittener Junge in einer guten Atmosphäre aufwächst, wo er sich entfalten kann und in seiner Persönlichkeitsbildung unterstützt wird, ist dies das geringere Übel als ein unbeschnittener Bub in einer unglücklichen, zerrütteten, überlasteten Familie.

  3. Lutz Oppermann sagt

    Bündnisfrage vs. Reinheitsgebot

    Das kleiner Übel suchen und abwägen, für mich war es das kleinere Übel die Gemeinde warten zu lassen.

    Ich habe abgewogen und mich daran gehalten, meinen Sohn nicht offensiv zu verletzen, wie das zur Entscheidung stand. Die Gemeinde darf warten und mein G’tt ist gütig und großzügig. Ich entschied mich, meinem Sohn zu vertrauen und es ihm zu überlassen, ob er meinem Vorbild in religiösen Fragen folgt oder seinen eigenen Weg geht. Er geht seinen eigenen Weg!

    Es lohnt sich bei der Betrachtung den Kontext verstehen zu wollen, in dem diese Tradition entstand, es geht und ging immer schon, um das Branding und die unwiderrufliche Einordnung von Mitgliedern einer Gemeinde. Die Bündnisfrage!

    Wir leben heute in einer Welt, die nicht mehr vergleichbar ist, mit den Zeiten vor und nach dem Babylonischen Exil. Mose war nicht beschnitten, es ist seine Frau die den eigenen Sohn mit einem scharfen Stein beschneidet. (EX 12, 17) Die Mutter agiert scheinbar aus der Hüfte heraus, um ihren Sohn zu retten, eine existentielle Szene. Hier übernimmt die Mutter eine aktive Rolle.
    Was ist seit dem passiert? Müttern sind heute, während der Brit Mila Zuschauer – wieso, weshalb und warum?

    Die aktuelle Praxis ist das Ergebnis einer Geschichte, die den Laufe der Zeit wiedergibt. Wieso wird der Text nicht wortwörtlich genommen und beschneiden die Frauen ihre Söhne? Und weiter: Wieso sprechen wir nicht von ab- sondern beschneiden, wenn es doch ein nearly totaly excision ist?

    Hier das verletzte Kind, dort die, die Verletzung tolerierenden Eltern und dort, die um Loyalität bittende Gemeinde. Ist das die Szene? Wieso diese Fiktion auf die Vorhaut?

    Ich finde es beim Stand der aktuellen Diskussion zu früh für Antworten und neue, zeitgemäße Regularien. Die drei abrahamitischen Religionen sollten sich der Diskussion stellen, weshalb sie die Loyalitätsfrage und auch die Frage der Reinheit des fruchtbaren Mannes an Kindern festmachen wollen.

    In Israel kennen sie neben der Praxis der Brith Milah auch die Brith shalom, letztere verzichtet auf die blutige Prozedur und wird insbesondere von Müttern protegiert. Der Historiker M. Wolffsohn schrieb in der Welt, am 28.08. die Beschneidung ersetzt die Taufe, d.h. es gab Zeiten, in denen die Gemeinden, sich der Loyalität ihrer Mitglieder, auch auf anderem Weg vergewisserten.

    Die Frage der körperlichen Unversehrtheit von Jungen, ob nun 8 Tage alt oder im Grundschulalter ist keine inner-religiöse Angelegenheit.

    ich teile Freuds Ansicht und sie wird durch die traumatischen Erfahrungen des deutschen und europäischen Judentum, unter der Nazibarbarei nicht weniger wahr.

    Mal phantasiert: Mose erhielt von G’tt über 300 Gebote! Wieso sollte er da nicht was verwechselt haben? Mose hat sich verhört, Gebote verwechselt oder verdreht, das kann doch vor kommen. Mose ist nicht unfehlbar. Mir scheint Mose hat zwei Gebote in einen Topf geworfen.Quasi so eine Art von two in one Geschäft! Hier das Reinheitsgebot und dort das Gebot, um die Bündnisfrage zu beantworten. Das erste soll die Reinheit des Mannes, zum Schutz der Frauen garantieren und das zweite die Loyalität der Mitglieder zum Stamm sichern.Die Idee ist gut, es ging letztendlich um den Schutz der Frauen!

    Was ist also das Problem und für welchen anderen Konflikt ist es die Lösung? Oder ist doch die Lösung das Problem?

  4. Vera Niedermann-Wolf sagt

    Sehr geehrter Herr Schmidbauer, ich habe Ihren lesenswerten Artikel in der Psychologie Heute gelesen. Aber etwas haben Sie übersehen:
    Der von Ihnen beschriebene Infantizid des Erstgeborenen in primitiven Kulturen ist doch vor allem die ultimative Demütigung der Frau, die ein Kind ausgetragen und geboren hat, mit der ihr ihre absolute Ohnmacht demonstriert wird gegenüber der Macht der Männer, mit denen sich der Partner obendrein gegen sie verbündet. Sie kann ihr Kind nicht mehr schützen und wird mit ihm unterworfen unter den Willen des Mannes.
    Weshalb kann nicht mal ein (männlicher) Analytiker dies erkennen?
    Und:
    Erfüllt die Beschneidung eines Neugeborenen bzw. eines kleinen Jungen vielleicht noch immer diesen Zweck?

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