Vortrag
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Die Macht der Religion (Teil 2)

Warum der Mensch sich Gott erschuf–(Fortsetzung von Teil 1)

In den drei Jahren nach 1930 – Hubbard ist 19 Jahre alt – behauptet der Gründervater von Scientology folgende Taten verrichtet zu haben: Er hat Ingenieurswesen sowie Atom- und Molekularphysik studiert, ist Drill-Sergeant bei den Marines geworden und hat dort eine preisgekrönte Kompanie aufgebaut, trat als Balladensänger auf, schrieb Hörspiel-Serien, war Landvermesser, lernte Segelfliegen, wurde einer der besten Piloten des Landes, sorgte dafür, dass zwölf gefährliche Flughäfen geschlossen wurden, stellte einen landesweiten Dauersegelflug- Rekord auf, vollendete die erste mineralogische Vermessung von Puerto Rico und erforschte Kulturen und Glaubensrichtungen dieser Gegend, einschließlich Voodoo und Spiritismus. Die erste sozusagen sichtbare Karriere dieses begabten, nach Grandiosität süchtigen Menschen passte zu seinen Persönlichkeitsproblemen wie der Schlüssel zum Schloss: Ron Hubbard wurde ein äußerst produktiver Autor von Kolportageromanen; hier hat eine gewisse Neigung zur Übertreibung schließlich noch nie geschadet. Hubbard erinnert in vielen Zügen an einen höchst erfolgreichen und ebenfalls von dubiosen Größenansprüchen geplagten Autor: Karl May. Zwei Eigenschaften Mays fallen bereits beim ersten Versuch auf, zu seiner Persönlichkeit vorzudringen: seine Neigung, Geschichten zu erfinden, deren Held er ist, und sein Interesse für Religion bis hin zu dem Versuch, selbst als Prophet eines neuen (oder erneuerten alten) Glaubens aufzutreten. Von anderen Geschichtenerfindern unterscheiden sich Karl May und Hubbard, weil sie nicht nur erzählen, sondern auch belehren wollen. Schließlich wird bei May der Text mächtiger als sein Autor. Das Belehrungsbedürfnis geht mit dem Schriftsteller durch, treibt ihn dazu, zu behaupten, er hätte alles selbst erlebt, alle Ehrennamen selbst erworben. Müssten wir Karl May in einem psychologischen Seminar analysieren, würden wir ihm die Diagnose einer Pseudologia phantastica im Dienste einer manischen Abwehr von Depressionen und Ängsten zuschreiben. Unfreundliche Menschen sprechen hier von Betrügern, freundliche von Dichtern oder Propheten; Psychologen von Personen, die aus einer Selbstgefühlsstörung heraus nicht anders können, als andere mit allen Mitteln glauben zu lassen, sie seien größer als sie sind. „Normale“ Lügner sind zufrieden, wenn sie sich ein Ziel erschwindelt haben; Pseudologen verwirren den soeben Überzeugten dadurch, dass sie noch eine zweite, eine dritte und vierte noch viel großartigere und darum unwahrscheinlichere Geschichte draufsetzen. Schließlich treten die Beteuerungen einer immer großartigeren Selbstdarstellung und die Skepsis der Hörer in eine Art Wettlauf, den der Pseudologe nur gewinnen kann, wenn er zum Propheten wird und eine Sekte stiftet. Der Pseudologe lebt in einer speziellen Welt, die sich von der Welt aller anderen Menschen durch eine Qualität unterscheidet, die sich provisorisch als schillernd, vielschichtig oder instabil beschreiben lässt. Obwohl in den konstruktivistischen Richtungen der Philosophie und Sozialforschung ohnehin belegt wurde, dass Menschen sich ihre Wirklichkeit immer neu so interpretieren, dass sie möglichst gut zu ihren Wünschen passt, unterscheidet sich der Pseudologe vom normalen Menschen, der etwas beschönigt oder verleugnet. Er ist sehr viel aktiver, seine Lügen sind nicht defensiv, sondern offensiv, er genießt es, wenn andere ihm etwas glauben, wovon er selbst genau weiß, dass es nicht stimmt.

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