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Wenn du mir fremd bist, lieb ich dich

Die seelischen Probleme der interkulturellen Partnerschaft

Auf den ersten Blick wirkt das Fremde oft nah – als sei es nur einen Schritt weit entfernt. Erst wenn wir diesen Schritt getan haben, erkennen wir, wie fremd es wirklich ist und wieviel uns noch zur Verständigung fehlt. Als Student lebte ich für eine Weile als Aussteiger in der Toscana und glaubte, wenn ich erst einmal besser italienisch spräche, wäre ich ganz wie meine Nachbarn. Es waren sehr gastfreundliche Menschen, offen und herzlich, ich litt sehr unter meinem Haschen nach verständlichen Worten und meinem Gestammel. Und so lernte ich den toscanischen Dialekt so gut, dass man mir eines Tages in der Cassa di Risparmio einen Hundertmarkschein nicht wechseln wollte, weil ich schliesslich kein Konto bei dieser Bank hätte. Und merkwürdig: je besser ich mit den Nachbarn reden konnte, desto klarer wurde mir auch, dass sie in einer ganz anderen Welt lebten als ich. Ich fand heraus, dass manche Nachbarn selbst Fremde waren, Süditaliener, die es aus ihren noch armseligern Dörfern, von ihren winzigen, oft stundenlange Wege vom Haus entfernten Feldern in die Toscana verschlagen hatte. Dort standen damals viele Häuser leer, weil sich die Gartenlandwirtschaft dieser winzigen Gehöfte nicht mehr lohnte. Die eingesessenen Dörfler verachteten die marocchini (Marokkaner), wie sie die Leute aus dem Süden nannten. Diese wiederum sagten, es müsse mehr Italiener geben und weniger Toscaner. Ich aber hatte, statt in vino e amore aufzugehen, einen Konflikt am Hals, der mich an eine verschärfte Variante des Kampfes der (ländlichen) Bayern gegen die (städtischen) Saupreussen erinnerte, den ich als (halber) Dorfbub miterlebte. Zu den schönsten und gefährlichsten Zuständen im menschlichen Leben gehört die Verliebtheit. Die Beteiligten verschlingen einander mit den Augen und fühlen sich, als hätten sie sich schon in früheren Leben gekannt: „Ach, du warst in abgelebten Zeiten – meine Schwester oder meine Frau“, dichtete Goethe. Der Panzer schmilzt, den wir gegen die Pfeile des Schicksals angelegt haben, die Hornhaut wird weich, die uns im Umgang mit Eltern, Geschwistern, Kolleginnen und Kollegen gewachsen ist. Wo zwei eines werden, ist Rivalität vergessen; in geheimnisvoll-durchsichtiger Blase, wie auf den Gemälden von Hieronymus Bosch, reift das Paar. Da die Beteiligten glauben, einander ganz zu verstehen und buchstäblich zu verschmelzen, tun sie sich schwer mit jeder Wirklichkeit, welche den Zauberkreis verletzt, in den sie sich eingeschlossen haben. Gleichzeitig aber ist die Triebkraft ihrer Verbindung kreativ, ja explosiv. Das verliebte Paar kann beschliessen, gemeinsame Realitäten ausserhalb des Kreises zu schaffen: eine Wohnung zu kaufen, ein Geschäft zu eröffnen, eine Familie zu gründen. Oder aber es fällt unter eine Schwangerschaft wie unter die Räuber – etwas Drittes wächst plötzlich in dem magischen Kreis, sprengt ihn, lenkt den gefesselten Blick vom Gegenüber ab auf dieses Neue, das Kind. 2 Wenn ich Paare in jenen posttraumatischen Zuständen antreffe, die nach dem Zusammenbruch einer Verliebtheit aufzutreten pflegen, suche ich immer wieder nach Metaphern und nach Erinnerungen, um ihnen zu verdeutlichen, warum jetzt etwas so schrecklich geworden ist, was sich früher einmal köstlich anfühlte. Oft ist es traurig zu sehen, wie wenig sich diese Menschen überhaupt daran erinnern können, dass sie sich irgendwann sehr nahe waren.

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