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Das Zwischenlager

Kennen sie die Menschen des Zwischenlagers? Sie sind ständig damit beschäftigt, zu suchen was sie eben nur schnell irgendwohin gelegt haben. Ihren Arbeitstisch zieren große Stöße von Vorgängen, die sie alle irgendwann erledigen wollen. Wenn es gar nicht mehr anders geht und sie endlich den Bürokram erledigen wollen, fangen sie an umzuschichten. Schließlich müssen sie das Wichtigste herausfiltern, anderes kann ja noch warten, hat sich vielleicht sogar von selbst erledigt. Sie wiegen die Blätter bedächtig in der Hand, lesen ein Stück, entscheiden sich dann doch, lieber etwas anderes, wichtigeres zu machen. Zeit ist knapp, denn die Stunden im Zwischenlager fehlen.
Diese Zwischenlager wachsen wie Schimmelpilze an den Grenzen von Arbeit und Freizeit. Sie gedeihen dort, wo etwas erledigt werden müsste, aber warten kann, wo etwas Spaß machen könnte, aber augenblicklich noch nicht dran ist: das Video aus dem Sonderangebot, die Zeitung vom Wochenende, die ich leider wegen des Ausflugs nicht lesen konnte. Der Vater einer Freundin arbeitete sich in dem Jahr, in dem er starb, durch eine Zeitung von vor mehr als einem Jahr; er war irgendwann nicht mehr nachgekommen, die Augen waren nicht mehr so gut, aber er wollte keine Ausgabe versäumen. Fast die beliebtesten Dinge im Zwischenlager des Gebildeten sind Zeitungsausschnitte (das muss irgendwann gründlich gelesen werden!), Zeitschriften (schließlich muss man im Beruf auf dem Laufenden bleiben) und vor allem Bücher. Das ist ein interessantes Thema, ein wichtiger Autor. Weil ich so müde war, bin ich diesmal nicht über drei Seiten hinausgekommen, aber im Urlaub, in der Rente finde ich mal so richtig Zeit zum lesen. Ein anderes Zwischenlager ist der Zettel, auf dem steht, dass etwas getan werden muss; diese Zettel nach Wichtigkeit zu ordnen, kostet Zeit, in der sich schon einige der aufgeschriebenen Aufgaben tatsächlich hätten erledigen lassen. Ein nur ein klein wenig zwanghafter Kollege verbringt Stunden damit, Listen von Arbeiten anzulegen, die er erledigen muss, die Eintragungen zu ordnen, Erledigtes, vor allem aber sich zu grämen und schuldig zu fühlen, dass er nie bis zur ebenfalls schriftlichen Deadline schafft, was er aufgeschrieben hat – vermutlich fehlt ihm einfach die Zeit, die ihn seine Liste kostet.
Ähnlich können sich viele Menschen nicht entscheiden, ob sie die Kränkung durch ihren Partner zum Thema machen oder ignorieren wollen, weil sie nicht wichtig genug ist. Sie sammeln diese Kleinigkeiten in einem Zwischenlager, das sie bei passender Gelegenheit öffnen. Auf diese Weise kann eine kleine Kränkung, die zufällig nicht mehr in dieses Zwischenlager gepasst hat, zu einem großen Drama und zu massiven Entwertungsgefühlen führen. Beide „Zwischenlager“ können aufeinander prallen; das Beispiel ist nicht aus der Luft gegriffen.
Carla, eine Anwältin, hat lange Jahre mit ihrem Mann Joseph eine Wochenendehe geführt. Joseph ist Universitätslehrer und hatte einen Ruf in eine andere Stadt erhalten, wo er eine kleine Wohnung bezog. Er hat sich auf jede freie Stelle in seinem Fach zurückbeworben, bisher aber nichts bekommen. Carla merkt erst, wie sie jedes Mal erleichtert war, wenn Joseph doch weiter pendelte, als Joseph schließlich doch Erfolg hat und sich darauf freut, dass sie jetzt wieder eine richtige Ehe führen können. Denn Joseph ist ein Mensch des Zwischenlagers, und Carla ärgert sich jedes Mal, wenn er wieder etwas herumliegen lässt, Verlegtes nicht findet und schreit, ob sie nicht beim Suchen helfen kann.

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