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Und sowas von müde…

Die Beschädigung der Eltern durch das Kind

Der 42jährige Florian ist ein erfolgreicher Jurist, Vater von zwei Töchtern im Kindergarten- und Grundschulalter. Er arbeitet in der Rechtsabteilung einer grossen Privatbank. Seine Frau Betsy ist ein Jahr jünger. Sie hat ebenfalls Jura studiert, aber wegen der Kinder ihre Stelle gekündigt; sie macht jetzt eine Ausbildung als Heilpraktikerin. Sie engagiert sich sehr für Homöopathie, seit sie durch eine solche Behandlung von einem hartnäckigen Hautauschlag befreit wurde.

„Wir sind mit unserer Ehe am Ende“, sagt Betsy. „Florian war ein aufgeweckter Kerl, ein richtiges Energiebündel, als wir uns kennenlernten. Und jetzt kommt er nach Hause und nölt, dass die Kinder so laut sind, er hat den ganzen Tag malocht, soviel Stress im Büro, er braucht seine Ruhe. Anfangs habe ich mich gefreut, wenn er nach Hause kam, ich dachte, er macht dann was mit den Kindern und ich kann mal in ein Buch schauen oder auf einen Kurs gehen. Aber dazu ist er viel zu müde.

Also bringe ich die Kinder ins Bett, und – komisch, als ob er mich angesteckt hätte – ich bin dann auch todmüde, schlafe meist in einem der Kinderzimmer fast ein, schaffe es grade noch, mir die Zähne zu putzen und bin weg. Sexuell passiert gar nichts mehr, Florian sitzt dann vielleicht noch ein oder zwei Stunden vor dem Computer, obwohl er am nächsten Tag früh aufstehen muss.

Solchen Szenen begegnet der Paartherapeut fast jeden Tag. Florian hat geduldig Betsys Schilderung gelauscht . Die Initiative zur Therapie ging von Betsy aus, er findet seine Ehe nicht am Ende, sondern ganz normal ebenso seine Müdigkeit nach einem langen Arbeitstag im Büro. Schliesslich geht keiner von ihnen fremd, sie lieben die Kinder, da gäbe es schlechtere Ehen.

Im Einzelgespräch schlildert Florian seinen Arbeitstag. Er blüht auf, sobald er bemerkt, wie sich der Therapeut für das interessiert, was er macht; es ist eine Art Unternehmensberatung für grosse Darlehenskunden, wo Florian zwar seine juristische Ausbildung gut brauchen kann, aber auch ständig dazulernen muss. Er hat ein kleines Team, junge, dynamische Leute, sie sitzen zusammen, schmieden Pläne, gestalten Präsentationen. Es wird deutlich, dass Florian nach neun Stunden Arbeit keineswegs erschöpft ist. Er nimmt gut gelaunt noch mit dem einen oder anderen Kollegen einen Drink, ehe er in die S-Bahn steigt und in den Vorort fährt, wo er seiner Familie ein schönes Haus gekauft hat, zehn Minuten zu Fuss vom Bahnhof. Und wann wird er müde? Schlagartig, sagt Florian, schlagartig, sobald der Zug in den Bahnhof einfährt und er nach Hause geht, wo Betsy und die Kinder auf ihn warten.

Er ruft mit dem Handy durch, damit sie wissen, wann er kommt. Und dann ist es, als ob aus irgend einer unsichtbaren Quelle Blei in ihn fliesst und er mit jedem Schritt müder wird. Erst jetzt merkt er, wie anstrengend die Arbeit war und wie vollständig kaputt und zu gar nichts mehr in der Lage er sich fühlt, leer, ausgebrannt.
Die meisten Ehen zerbrechen an solchen Müdigkeiten. Sie sind der unauffällige Anfang von Auflösungserscheinungen, deren Tragweite erst erkannt wird, wenn beispielsweise einer der Partner eine neue Beziehung beginnt. Florians Verwandlung aber ist das Ergebnis einer unbewussten Konkorrenz mit seinen Kindern um die Babyposition.

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