Auswahl, Kolumnen
Kommentare 2

Vom Segen des Wartens

Zeit und Abstand als klärende Instanzen im Alltag

Es gibt eine orientalische Geschiche „Vom erstaunten Tod“. Der Tod trifft einen Mann, den er irgendwann kennengelernt und mit dem er sich angefreundet hat. Diesem Mann gab eine Stunde zuvor sein Nachbar im Basar in grösster Hast den Schlüssel zu seinem Laden. Er müsse dringend fliehen, sagte der zu dem Mann, er habe soeben den Tod gesehen und reise jetzt nach Samarkand, um ihm zu entgehen.
„Ich bin verwirrt“, sagt der Tod zu seinem Freund. „Ich habe vor einer Stunde in dem Geschäft neben dem deinen einen Mann sitzen sehen, den ich heute Abend in Samarkand holen soll!“

Der psychologische Aspekt an dieser Geschichte hängt mit dem Wiederholungszwang zusammen, den Sigmund Freud als besonders hartnäckige Form des Lernens beschrieben hat. Frühe Erfahrungen formen unseren Charakter; ein geformter Charakter, der auf eine beeindruckbare Umwelt trifft, verändert wiederum diese. Das Ganze kann dazu führen, dass wir, ohne das zu beabsichtigen, vielleicht gerade durch den intensiven Wunsch, etwas unbedingt zu vermeiden, genau die Situation herstellen, gegen die wir uns partout schützen wollten.

Das Hai-Syndrom oder: die Verbesserung des Guten

Hochseehaie unterscheiden sich von Fischen durch zwei Merkmale: durch ein leichtes Knorpelskelett und durch den Mangel einer Schwimmblase. Dieser regulierbare Luftbehälter dient den Fischen dazu, im Wasser stehen zu bleiben, ohne zu sinken. Nur Grundfische wie Schollen können auf ein solches Organ verzichten. Haie hingegen müssen unablässig schwimmen, um nicht unterzugehen.

Menschen zeigen in manchen Verhaltensweisen Ähnlichkeiten zu diesem Phänomen, das bei Haien zu beobachten ist. Das „Hai-Syndrom“ bezieht sich auf eine menschliche Unfähigkeit, etwas einfach „gut sein zu lassen“, wie die Redensart sagt. Im Hai-Syndrom äußert sich eine ängstliche menschliche Grundspannung indirekt. Sie führt dazu, dass ein Zustand verbessert werden soll, der eigentlich schon gut ist. Hinter diesem unruhigen Verbesserungsdruck stehen Ängste des Menschen, der nicht abwarten kann, was die Zukunft bringt. Indem er selbst tätig bleibt, gaukelt sich der Mensch vor, allem vorbeugen zu können, die Situation beherrschen zu können. Doch hat diese Geschäftigkeit im Zusammenleben auch negative Folgen. Denn sie hindert im Zusammenleben daran, einander Wachstumsräume zuzugestehen, den anderen einfach sein zu lassen. Ein Beispiel:

Ein 14-jähriges Mädchen kommt von einer Party nach Hause.
„Wie war’s denn?“, fragt die Mutter
„Wie soll’s schon gewesen sein?“
„Warum bist du denn so unfreundlich!“, sagt die Mutter. „Vielleicht kann ich helfen.“
„Warum lässt du mich nicht in Ruhe!“

Als pdf herunterladen Download PDF

2 Kommentare

  1. Roman Grafe sagt

    Danke, lieber Wolfgang Schmidbauer, für diesen Beitrag. Er hat mir zu Denken gegeben. Ich glaube, er wird im Nachklang etwas bewirken.
    Alles kommt zu dem, der Warten kann, heißt es. Das Gegenteil scheint – schön paradox – ebenso richtig: Alles kommt zu dem, der nichts mehr erwartet. Wir werden sehen. Herzliche Grüße, Roman Grafe

  2. Sehr geehrter Herr Schmidbauer,
    eine Ehrenrettung für Angst und Wut scheint mir nötig – nach dem Lesen Ihres Textes.
    .
    Die Mutter ist besorgt und will ihre Angst befrieden, daher handelt sie – ohne viel Wissen und mit wenig Bewusstsein für die Situation. Und sie treibt ihre Tochter mit ihrer Penetranz immer weiter von sich. Es muss aber nicht so typisch und destruktiv enden, wie Sie es beschreiben.
    Der Mutter-Tochter-Zwist könnte auch positiv fortschreiten, wenn die Mutter dieses zur Beruhigung fehlende Wissen bekäme, durch Kommunikation(mehr Vertrauen durch mehr Wissen). Diese Klärung gäbe es dann nur, weil die Mutter nicht abwartete, sondern aktiv (angstgetrieben) auf etwas hinwies. Dabei ist es egal, ob sie von falschen Annahmen ausging. Sie hat sich auf der Basis ihres inneren Bewusstseins-Wissens-Stands geäußert, und das ist dann gut so. Ihre „fehlerhafte“ Äußerung hat dann eine Klärung vorangebracht. Das passiert allerdings nur, wenn die Tochter das „Auseinandersetzungsangebot“ annimmt, wenn sie nicht kneifen darf, sondern derart dagegen hält, dass ein Austausch erhalten bleibt und nicht Stagnation oder Blockaden sich festigen.

    Blinde Wut,
    berechtigte Wut, ohnmächtige Wut, gezügelte Wut, rasende Wut, Amoklauf? Ich denke, man sollte nicht nur die Extrembeispiele zur Desavouierung(wie bei den Wutbürgern) herbeiziehen. Leider lese ich Ihren Text so. Sie schrieben eben ein Plädoyer und keine abwägende Betrachtung.
    Konflikte:
    Es geht doch nicht darum, Konflikte zu „mildern“. Konflikte sind gut. Sie sind nicht zu dämpfen. Sie sollten kompetent, auf zivile Weise ausgetragen werden. Das muss mensch lernen.
    Hier bemühen Sie leider sehr unkritisch die moderne, herrschende(!) „Win-win-Philosophie“ – mit all ihren ideologischen Argumenten. Deren Konfliktverständnis widerspricht m.E. fundamental einem demokratischen Spiel von Position und Opposition. Insofern ist die Einübung dieser Techniken häufig ein Rückschritt, weil auf diese Art keine Demokraten für eine offene Debatte erwachsen können. Die Anhänger dieser Schule in der Kommunikationsszene erscheinen mir sehr häufig als sehr empfindliche Friedensapostel, die das Streiten nie gelernt haben, sondern mit auswendig gelernten, immer gleichen Argumenten belehren und sich schützen wollen.

    Verstehen:
    Die Mutter kann sich in die Tochter hineinversetzen, wenn sie versteht? Ja, das stimmt, aber Verstehen ist m.E. ein Resultat, nicht eine Voraussetzung! Vorher muss eine wärmende „Reibung“ erfolgen, danach wird verstanden.
    Denn „wirklich verstehen“ entsteht doch nur durch Auseinandersetzung (erfordert offene Annäherung) mit dem Anderen(bisher Unverständlichen) nicht (bzw. nur partiell) durch Abstandnehmen. Herangehen ist zuerst gefragt, nicht selbst schützende Vorsicht. Herangehen heißt nicht überfahren oder zertrampeln.
    Wieso trennt die gewaltfreie Kommunikation so akribisch zwischen Position und Interesse (Den Unterschied zu Bedürfnissen kennt sie wohl schon gar nicht) wie auch zwischen Person und Problem? Ich denke, sie will nicht in die schmutzige Auseinandersetzung, ihr passt nicht die komplizierte, reale Verschmelzung dieser Aspekte.
    Jede Position ist begründet – durch Interesse, persönliches Bedürfnis, Zielsetzungen usw.. Natürlich werden diese behandelt, wenn man sich mit der Genese von Positionen befasst. Positionen sind Ergebnisse, gewachsene Standpunkte. Sie sind auch nicht fertig, sondern verändern sich. Wer sich – überlegen dünkend – nicht mit formulierten Positionen auseinandersetzen will, der nimmt sein Gegenüber nicht ernst.

    Empathieverlust:
    Ich denke der findet gerade deshalb statt, weil Menschen zu viel Abstand voneinander haben, weil sie sich nicht mehr einmischen(dürfen), sich kaum noch etwas zu eigen machen dürfen. Weil sie dauernd für sich kämpfen sollen, können sie nicht mehr wirklich mitfühlen und nur noch empört sein, wenn ihr Ego vermeintlich verletzt wurde. Für eine aktivierende Empörung (Hessel) fehlen klare, moralische Maßstäbe/Orientierungen. Die Mensch-Monaden sind für sich, niemand sonst nah (vielleicht noch gerade ihrer Sippe). Weil sie einfach leben und leben lassen und sich dann noch tolerant vorkommen. Das ist nicht in erster Linie subjektive Schuld sondern moderne, abgeschottete Lebensweise in Weltoffenheit.

    Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene herrscht eine unreflektierte, zerstörende Macher-Eingriffsmentalität (früher nannte man es „Fortschritt“, heute „Reform- und Innovationsdruck“), dort folge ich Ihrer Kritik. Auch den allgemeinen Ruf nach Entschleunigung und Besinnung kann ich gut teilen. Aber von diesen gesellschaftlichen Forderungen sollte man, glaube ich, die zwischenmenschliche Begegnung unterscheiden.
    Der Mut zum Eingreifen, zum Positionieren, der Mut zum Fehler(nächstes Lernfeld: um Entschuldigung bitten, Fehler eingestehen) ist – in heutiger Zeit – zwischenmenschlich mehr gefragt, als das Containment (zweiter Schritt), als die distanzierte Zurückhaltung, das weitere coole Abwarten, Zulassen und sichere Beobachten.
    Sie malen noch das Idealbild vom distanzierten Analytiker, der „hört, annimmt, umfasst ohne es durch Urteile oder Forderungen zu stören“
    (Ooh jeh, oh jeh, das macht mich wütend. Oder bin ich zornig? Egal, das muss jetzt raus!) Mit dieser Haltung ist der Therapeut hinter der Couch richtig, aber keinesfalls auf den öffentlichen Plätzen. Dann verwechselt er auf fatale Weise die Couch mit der politischen Arena.
    Ohne Urteilen und Forderungen sähe die Welt eher schlechter als besser aus – da bin ich mir sicher.
    Trotzdem, danke für Ihre Zeilen, die mich (auch) aufgeregt haben und dann eine Anregung wurden.
    Mit freundlichen Grüßen k-h albers

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.