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Vom Segen des Wartens

Zeit und Abstand als klärende Instanzen im Alltag

Es gibt eine orientalische Geschiche „Vom erstaunten Tod“. Der Tod trifft einen Mann, den er irgendwann kennengelernt und mit dem er sich angefreundet hat. Diesem Mann gab eine Stunde zuvor sein Nachbar im Basar in grösster Hast den Schlüssel zu seinem Laden. Er müsse dringend fliehen, sagte der zu dem Mann, er habe soeben den Tod gesehen und reise jetzt nach Samarkand, um ihm zu entgehen.
„Ich bin verwirrt“, sagt der Tod zu seinem Freund. „Ich habe vor einer Stunde in dem Geschäft neben dem deinen einen Mann sitzen sehen, den ich heute Abend in Samarkand holen soll!“

Der psychologische Aspekt an dieser Geschichte hängt mit dem Wiederholungszwang zusammen, den Sigmund Freud als besonders hartnäckige Form des Lernens beschrieben hat. Frühe Erfahrungen formen unseren Charakter; ein geformter Charakter, der auf eine beeindruckbare Umwelt trifft, verändert wiederum diese. Das Ganze kann dazu führen, dass wir, ohne das zu beabsichtigen, vielleicht gerade durch den intensiven Wunsch, etwas unbedingt zu vermeiden, genau die Situation herstellen, gegen die wir uns partout schützen wollten.

Das Hai-Syndrom oder: die Verbesserung des Guten

Hochseehaie unterscheiden sich von Fischen durch zwei Merkmale: durch ein leichtes Knorpelskelett und durch den Mangel einer Schwimmblase. Dieser regulierbare Luftbehälter dient den Fischen dazu, im Wasser stehen zu bleiben, ohne zu sinken. Nur Grundfische wie Schollen können auf ein solches Organ verzichten. Haie hingegen müssen unablässig schwimmen, um nicht unterzugehen.

Menschen zeigen in manchen Verhaltensweisen Ähnlichkeiten zu diesem Phänomen, das bei Haien zu beobachten ist. Das „Hai-Syndrom“ bezieht sich auf eine menschliche Unfähigkeit, etwas einfach „gut sein zu lassen“, wie die Redensart sagt. Im Hai-Syndrom äußert sich eine ängstliche menschliche Grundspannung indirekt. Sie führt dazu, dass ein Zustand verbessert werden soll, der eigentlich schon gut ist. Hinter diesem unruhigen Verbesserungsdruck stehen Ängste des Menschen, der nicht abwarten kann, was die Zukunft bringt. Indem er selbst tätig bleibt, gaukelt sich der Mensch vor, allem vorbeugen zu können, die Situation beherrschen zu können. Doch hat diese Geschäftigkeit im Zusammenleben auch negative Folgen. Denn sie hindert im Zusammenleben daran, einander Wachstumsräume zuzugestehen, den anderen einfach sein zu lassen. Ein Beispiel:

Ein 14-jähriges Mädchen kommt von einer Party nach Hause.
„Wie war’s denn?“, fragt die Mutter
„Wie soll’s schon gewesen sein?“
„Warum bist du denn so unfreundlich!“, sagt die Mutter. „Vielleicht kann ich helfen.“
„Warum lässt du mich nicht in Ruhe!“

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