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Feste Bindungen

Dieser Artikel, der im Abonennten-Magazin des Thalia Theaters erschien, ist ein heimlicher Werbetext für die feste Bindung an ein Theater, den ich in der Zuversicht schreibe, dass er zwei Aufgaben erfüllt: die Aufklärung über sein Thema und die PR für das Thalia. Als Therapeut weiß ich viel über die Schwäche unserer Vorsätze und die Weisheit, diese durch einen Vertrag zu ersetzen. Stimmung, Müdigkeit und schlechtes Wetter nagen an den besten Vorsätzen; der Vertrag hält Stand und befreit von jedes mal neuer Entscheidung. In einer globalisierten Konsumgesellschaft brauchen wir verlässliche Bindungen mehr als den Kick einer hastigen Optimierung, deren Schattenseiten sich zu spät bemerkbar machen.

In der „Zauberflöte“, Mozarts Oper über Licht und Finsternis, erhabene und irdische Liebe, geht es immer wieder um Treue: Tamino bricht das Versprechen, das er der nächtlichen Königin gegeben hat, die Königin sucht ihre Tochter mit dem Treuegebot zu einem Mord zu bewegen, und Papageno sagt, was brave Bürger nur denken: „Ich will dir ewig treu bleiben… so lange ich keine Schönere finde!“

In den Liebesbeziehungen der Moderne, die auf freier Partnerwahl beruhen, wird Untreue fast immer als Verunsicherung, als mehr oder weniger unverzeihlicher Bruch eines Sicherheitsversprechens erlebt. Aber es ist völlig offen, wie dieser Bruch verarbeitet wird. In einem Hollywood-Melodram packt der/die Betrogene gleich nach der schmerzlichen Erkenntnis die Koffer. In den Umfragen der Meinungsinstitute ist „Treue“ nach wie vor ein Wert, ohne den sich die meisten Menschen eine Partnerschaft nicht vorstellen können. Allerdings gibt es einen charakteristischen Abbau dieses Ideals mit fortschreitendem Alter. Zwanzigjährige glauben an die Unentbehrlichkeit der Treue. Fünfzigjährige sind da erheblich bescheidener.

Geborgenheit wird in der Moderne umso wichtiger, je ausgeprägter die Freisetzungsprozesse sind. In Großfamilie, Inselwelt, Dorf, Gebirgstal fühle ich mich geborgen, auch wenn meine Ehe kriselt. Es gibt sozusagen eine Heimat außerhalb des Liebespartners. In den Großstädten ist vielen Menschen allein die Person Heimat, mit der sie Tisch und Bett teilen. Die ungestümen Bürger der Moderne verlieben sich und glauben für eine Weile, sie hätten einen sicheren Ort gefunden. Sie entlieben sich, wenn ein Schatten auf die Beziehung fällt. Nicht wenige verharren in diesem Stadium des swinging single.

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2 Kommentare

  1. Rosmarie Niesler sagt

    erfrischend ehrlich und klar!
    herzlichen Dank und viele Grüsse
    R. Niesler

  2. Christine M. sagt

    Sehr schöner und erhellender Text. Wir leben hier alle wirklich in einer Illusion 🙂
    CM

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