Kolumnen
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Das vertrage ich nicht!

Vermutlich korreliert das Wachstum der Nahrungsmittelallergien mit dem Wachstum der Ängste in der globalisierten Wirtschaft. Die Menschheit hat sich in den industriellen Fortschritt schicken lassen wie die Armee eines wahnsinnigen Feldherrn, ohne Nachdenken über stabile Versorgung und Rückzugsmöglichkeiten. Benzinfressende Luxusmobilität erstarrt in Stahl und Plastik, als ob es den Peak of Oil nicht gäbe – den Punkt ohne Wiederkehr, an dem die Erdölwirtschaft ihre Zukunftsfähigkeit verloren hat. Die Industrieländer verbrauchen drei- bis sechsmal mehr als nachwächst. Nicht der Allergiker ist verrückt, sondern das System, in dem er lebt.

Den einzelnen Bösewicht zu finden und aus der Welt zu schaffen, spendet in solchen Situationen falschen Trost. Mubarak ist weg, Gaddafi soll verschwinden, wenn Ruhe ist in Nordafrika, dann wird der Sprit an der Tankstelle wieder billiger. Notfalls fahren wir „biologisch“, unsere sorgenden Politiker haben da schon Zeichen gesetzt, mit winzigen Anfangsfehlern, die sie jetzt flink korrigieren.

In der stabilen Mehrheit der Hungernden auf unserem Planeten sind Nahrungsmittelallergien und Essstörungen unbekannt. Unter den Millionen junger Frauen in den Slums von Kalkutta bis Rio de Janeiro finden sich vermutlich weniger Magersüchtige als in einem deutschen Gymnasium. Während die Allergiker fürchten, an ihrem Wohlstand zu ersticken, ist die Welt der Hungernden einfach: König ist, wer etwas zu essen findet.

Kann Europa die arbeits- und perspektivelosen jungen Männer, welche die Strassen von Kairo, Tunis, Tripolis oder Marrakesch füllen, von den Chancen einer Wirtschaft überzeugen, die auf Luxus verzichtet und sich auf den eigenen Ressourcen stabilisiert? Es wird schwer fallen, wenn uns selbst so wenig klar sein darf, dass die Wachstumsideologie ein Irrweg ist. So lange wir das nicht begreifen, werden die jungen Männer in Nordafrika auch nicht aufhören, davon zu träumen, dass sie alle ihre gegenwärtigen Probleme in dem Augenblick hinter sich lassen, in dem sie in ein schickes Auto steigen.

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1 Kommentare

  1. Knacker sagt

    Luxus heute morgen im Chiemgau:
    verschimmelte Kirschen im Normativen Discounter, der obendrein auch noch mit dem Einsparen von Preisauszeichnungen glänzt. Der Laden war (wie häufig hier) nur mit einer Person besetzt.
    Beim zweiten Alldiversen Discounter glänzt die Überforderung, die im Übrigen auch kosummindernd wirkt. Eine konkrete Nachfrage nach einem technischen Produkt wurde gekontert mit der Feststellung (vom Verkäufer selbst) der Inkompetenz. Außerdem mußte ich 5 Minuten auf den Verkäufer (Regal einräumen ging vor) nach Ansage warten. Mein Kommentar, die Zeiten des „Königs Kunde“ sind wohl vorbei, konterte der Verkäufer mit dem Satz: „Das ist auch gut so“.
    Meine Schlußfolgerung: Nur der Markt wird dieses Verhalten verändern können. Wir könnten diese Läden ja boykottieren. Wie reichlich bekannt spiegelt sich die teilweise mangelnde Qualität der Produkte auch in der allerorten sichtbaren Überforderung des Personal´s wieder. Unsere Kinder werden hier ausgepreßt und dann weggeworfen. Oder hat schon jemand eine(n) 50jährige(n) Angestellte(n) in besagten Läden entdeckt ?

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