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Da muss man durchgreifen!

Szene beim Ausflug mit dem Fahrrad: Eine kleine Steigung, zwei Frauen und eine Elfjährige mit Schutzhelmen kommen mir entgegen. Abgeschlagen hinter ihnen heulend, mit einem kleinen, vom Weinen geröteten Gesicht ein vielleicht Achtjähriger. Er schluchzt seinen Schmerz und seine Wut hinaus, dass die anderen nicht auf ihn warten und er nicht mithalten kann. „Da muss man durchgreifen!“ sagt ungerührt die eine Frau zur anderen. „Wenn der die Kraft zum Fahren nimmt, die er zum Weinen braucht, haben wir kein Problem mehr!“

Wer gemütlich durch die Landschaft radelt, kann sich so seine Gedanken machen. Meine kreisen um das Wort „durchgreifen“. Es hat einen martialischen Klang, möchte sich doch gleich mit „hart durchgreifen“ verbinden, am liebsten gegen Verbrecher, Asoziale, gegen all das, was sonst im Alltagsbehagen von leben und leben lassen untertaucht.

Wer durchgreift, der wartet nicht, bis etwas geschieht und er sich womöglich seiner Haut wehren muss. Nein, er rottet Gefahren an der Wurzel aus, beseitigt sie, ehe sie ihr Haupt erheben können. Er nimmt den Kollateralschaden in Kauf, dass seine Kontrollwut, sein Jagdeifer den Guten lästig werden, vorausgesetzt, die Bösen können sich auch dann nicht sicher fühlen, wenn sie (noch) gar nichts Böses tun.

Warum aber denkt eine Mutter, die neben ihrer großen Tochter und ihrer Freundin radelt, dass sie bei ihrem Sohn durchgreifen muss, der heulend hinterherstrampelt? Was ist seine Bosheit? Denkt sie, er könnte, wenn er nur wollte? Möchte sie durch die Oberfläche des jammernden Kindes hindurch greifen und seines Trotzes habhaft werden, seiner Verweigerung, die Zähne zusammen zu beißen und mitzuhalten um jeden Preis?

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8 Kommentare

  1. Und manchmal geht es nur um den Narzissmus der Eltern, die Ruhe haben wollen und sich keine Gedanken machen, was dieses Verhalten bei einem Kind anrichtet. Sehr wahrscheinlich deswegen keine Gedanken, weil sie selbst als KInder so behandelt wurden. In der Traumatherapie würde man hier von einer Abspaltung nennen, für mich ist es die Verrohung der Sitten. Und nachher wundern sich alle über Jugendkriminalität, ADHS usw….

  2. Basia sagt

    Ich habe mir gestern eine Karte mit einem Nitzsche-Zitat gekauft: „Das Tragische an jeder Erfahrung ist, dass man sie erst macht, nachdem man sie gebraucht hätte.“
    Auch die Erfahrung, wie sinnlos, ja lebenszerstörend dieses „Durchgreifen“ ist, habe ich leider erst gemacht, als ich genau das nicht erreicht hatte, was ich doch so sehr gewünscht hatte: eine gute Beziehung zu den Kindern, eine Liebesbeziehung, die diese Bezeichnung wirklich verdient. Seit ein paar Jahren beobachte ich mich also selbstkritisch, wann ich wieder am „Durchgreifen“ bin… Diese Wachsamkeit sich selbst gegenüber ist meines Erachtens ebenso erforderlich, wie die Feststellung, dass eine Gesellschaft, in der sich alles an Leistung und Konkurrenz orientiert, das „Durchgreifen“ den Eltern immer wieder als das „Beste für mein Kind und seine künftige Position in der Gesellschaft“ erscheint und dass man deshalb die gnadenlose „Fortschrittsorientierung“ der Gesellschaft bekämpfen muss.

    Also, herzlichen Dank, lieber Wolfgang Schmidbauer, für den Denkanstoß.

  3. ..und manchmal der hilflose Versuche einer Mutter, wie sie ihrem Kind eine minimale Frustrationstoleranz „beibringen“ kann. Gewiss, mit den falschen Mitteln. Ein Projizieren der eigenen Ur- Ängste überleben zu können, den Anforderungen einer als feindlich wahrgenommenen Umwelt gerecht zu werden. Da muß „Kind“ durch, um später mithalten zu können.

  4. Aus dieser Art Erziehung kommt auch die Idee, dass „.. eine Ohrfeige noch nie geschadet hat..“
    Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt Gewalt zur rechten Zeit sich ein!

  5. Floh sagt

    Hoffen wir natürlich nur das beste für den Kleinen! Aber was wundert es, wenn dann später aus vielen solcher Kinder fremdbestimmte Erwachsene werden, die das Durchgreifen bei Migranten und anderen Minderheiten fordern?
    Guter Artikel!!
    Mir ist spontan die Assoziation zu Michael Hanekes DAS WEISSE BAND. EINE DEUTSCHE KINDERGESCHICHTE gekommen.
    Die zweie Assoziation habe ich zu meiner Lehrerausbildung, bei der es auch immer wieder hieß, wir müssen in Schulklassen hart durchgreifen können. Nun merke ich, dass ich zwar manchmal den Wunsch hege (und ihn auch zulasse) hart durchzugreifen, dann aber kreativere Wege des zwischenmenschlichen Miteinanders finde, die von gegenseitiger Wertschätzung getragen sind. Die Psychoanalyse hat mir hier bei meinem eigenen auf mich selbst Zurückgeworfensein, das sich bei der Jugendarbeit immer wieder einstellt, sehr geholfen.
    Einfache schwarz-weiß Lösungen sind bedauerlicherweise vordergründig stets einfacher, als eine Selbstanalyse, warum man hart durchgreifen möchte.
    Heute ist in meinem Bundesland Salzburg wieder trotz tausender Unterschriften für ein humanitäres Bleiberecht ein Migrant in Haft genommen worden, um ihn in den nächsten Tagen abzuschieben. Die Aussage eines rechten Politikers: „Rechtsstaat muß Rechtsstaat bleiben“ – eine andere Weise, um zu sagen „Wir müssen eben hart durchgreifen“.

  6. Ulli sagt

    Wenn ich meinen Sohn am Abend ins Bett bringe, streiche ich ihm übers Haar.
    Ich denke: Ich bin so froh, dass es dich gibt
    Aber ich sage: Schlaf gut
    Dann lächelt er immer, und dann weiß ich, dass ein Kind die Sprache am besten versteht, die aus dem Herzen kommt. Die dem Kind sagt, dass es seine eigene einzigartige Persönlichkeit haben darf.

    Es gibt keine Eltern, die Heilige sind, auch ich ärgere mich oft über meine Kinder und dann schimpfe ich oder sage Dinge, die mir dann Leid tun. Erzieherische Zwangsbeglückung erwächst in meinen Augen aus dem (unerfüllbaren) Wunsch nach Selbstverwirklichung der Eltern, den das Kind erfüllen sollte, indem es besser ist als man selbst als Kind war. Und aus der daraus resultierenden latenten Unzufriedenheit, die so eine Art von Hochmut induziert.

    Bei allen Grenzen oder Ermahnungen, die ein Kind ja auch oft selbst sucht, darf man sich als Eltern schon auch hie und da ein paar Schritte zurückstellen und sagen: Hey Kind, weißt du was, du bist ein feiner Kerl.

  7. Franz Josef Neffe sagt

    “Wenn der die Kraft zum Fahren nimmt, die er zum Weinen braucht, haben wir kein Problem mehr!” Das stimmt ja interessanterweise sogar. Warum aber sorgt dann ein Mensch mit solch tiefer Lebenserkenntnis nicht dafür, dass das Leben in GUTER Qualität weitergeht?
    „Ho mä dareus anär ou paideuetai“ hab ich im „humanistischen“ Gymnasium gelernt. Griech. „daraeuein“ heißt „häuten“ und unser Griechischlehrer übersetzte den Satz so: „Wer sich fürs Lernen nicht schindet, als würde ihm bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen, der kann nicht wahrhaft gebildet werden.“ In diesem Geiste wurden wir großgezogen. In Wirklichkeit geht es bei diesem Satz nur darum, dass sich die neue Haut nicht richtig bilden kann, wenn man die alte nicht loslässt.
    Es ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, dieses Du-musst-Dich-schinden-damit-es-etwas-wird. In unserer ErZIEHung machen wir immer mehr DRUCK. Als Ich-kann-Schule-Lehrer nenne ich das dann logischerweise nicht mehr ErZIEHung sondern ErDRÜCKung. Da es alle machen, fällt auch keinem mehr auf, was er tut. Auffallen tut nur noch, wer tatsächlich damit anfängt, statt des angelernten wieder den eigenen Verstand zu benutzen. Aber wer selbst denkt, der wird als Außenseiter behandelt. Dabei ist er doch der erste INSIDER.
    Solche Außenseiter-Insider sind unbequem. Sie machen uns unübersehbar, dass es außer der üblichen Schablone noch etwas gibt. Damit wird wieder schmerzhaft spürbar, dass uns sehr, sehr viel fehlt: Wir haben unsere hungernden Geistes- und Seelenkräfte immer HUNGERN lassen. Wir haben sie gequält statt sie zu stärken.
    Und nun treibt es uns, das, was wir immer mit uns gemacht haben und weiter machen, aus uns hinaus zu tragen und denselben Fehler mit einem anderen Menschen, einem Kind z.B. zu machen, damit es offenbar wird.
    Die Mutter leidet das Leid, das sie ihrem Sohn angetan hat, schon viele Jahre länger. Wir müssen BEIDEN Befreiung ermöglichen, dem Kind und der Mutter, wenn es aufhören soll. Bei beiden hungert die Seele.
    Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

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