Bücher, Psychologie
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Kleist

Die Entdeckung der narzisstischen Wunde

Aus einer Rezension von Christine Kanz, erschienen in: Jahrbuch für Literatur & Psychoanalyse. Freiburger literaturpsychologische Gespräche, Bd. 31, 2012

„Nach begonnener Lektüre möchte man es eigentlich nur ungern aus der Hand legen, es stattdessen in einem Zug von vorne bis hinten, Seite für Seite durchlesen, auch wenn man zwischendurch immer wieder leicht irritiert bis empört den Kopf schütteln muss. Klar ist jedenfalls nach der Lektüre einmal mehr, dass Kunst und Literatur der Wissenschaft und sogar der Philosophie vorausgehen, wenn es um den Tatbestand »existenzieller Probleme« (S. 178), also die Grundfragen des Lebens, geht. Nachvollziehbar wird auch, dass Kleist auf literarischem Wege, durch sein Schreiben, imstande war, die eigenen psychischen Dilemmata aufzulösen oder sie zumindest abzumildern. Es bleibt die Frage, ob dies auch für seine Leser/innen gilt.

Die Erklärung oder Rechtfertigung für sein Vorgehen liefert Schmidbauer dabei erst in der Mitte seines Buchs: »Texte entstehen durch Texte, die ein Dichter in sich aufgenommen und verwandelt hat. Ohne den vergleichenden Blick auf die Texte ist das Werk nicht zu verstehen. Aber der Blick auf den Verarbeitungsprozess in der Person des Autors ergänzt diese Art der Betrachtung; hier siedle ich den möglichen Beitrag der Psychologie an« (S. 142).

Man könnte das neueste Buch Schmidbauers vielleicht insgesamt eine doppelcodierte Analyse nennen, da sie verschiedene Wissensebenen zugleich bedient: Es stellt eine über Strecken hinweg anregende Lektüre sowohl für neugierige Psychotherapeuten als auch für interdisziplinär offene Literaturwissenschaftler dar. Wen die eine Ebene nicht interessiert, der kann sich an die andere halten. Wen beides interessiert, wird doppelt belohnt – meistens.“

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